Verfasst von: philgrundsyst | 16. Dezember 2016

Stand der Arbeiten zur Repräsentierenden Wahrnehmung

1.          Einleitung

In den letzten Sitzungen unserer Arbeitsgruppe wurde an einen Themenbereich angeknüpft, der vor längerer Zeit schon einmal diskutiert wurde, nämlich der Informationsbegriff, den Claude Shannon bereits 1948 definiert hatte. Der Grund für diesen Abstecher ist darin begründet, Görnitz‘ Konzept der »abstrakten Quanteninformation« – »Protyposis« – in einem breiteren physikalischen, philosophischen und neurowissenschaftlichen Rahmen zu verstehen und so diesem Konzept mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen und zu überprüfen, inwieweit es als Brückenkonzept für eine Erklärung der repräsentierenden Wahrnehmung dienen kann. In einer Mail an Görnitz wurde deshalb auf einen möglichen Zusammenhang zwischen seinem Konzept der Protyposis und David Chamers‘ Informationsbegriff hingewiesen, um herauszufinden wie beide zusammenhängen. Aus seinem neuesten Buch sind dazu nach einer kurzen Durchsicht des Textes keine eindeutigen Aussagen zu finden. Aus einer anderen Arbeit sind folgende Abschnitte zum Thema »Information und Bewusstsein« entnommen und sollen als Zusammenfassung der bisherigen Diskussionen zu diesem Thema im Folgenden dargestellt werden.

2.          Information und Bewusstsein

1948 veröffentlichte der Mathematiker Claude Shannon seine Arbeit über „mathematische Grundlagen der Informationstheorie“, in der er u.a. den Entropiebegriff in die Informationstheorie einführte. Boltzmanns Formel für die Entropie eines Systems ist formal identisch mit Shannons Gleichung für die Informationsentropie (Shannon, 1948, S.11), was Anlass gab, die begriffliche Identität von Information und negativer Entropie (»Negentropie«) zu postulieren. Information darf in diesem Zusammenhang allerdings nicht mit Bedeutung gleichgesetzt werden, vielmehr geht es in der Kommunikationstheorie Shannons um das, was gesagt werden könnte. Information ist ein Maß für die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Ereignissen. Er sprach in diesem Zusammenhang von der »Ereigniswahrscheinlichkeit« und Entropie verstand er als Maß für Unbestimmtheit (ebd. S.20). Information hat für ihn nur einen syntaktischen Aspekt und orientiert sich damit am lateinischen Ursprung des Verbs »informare«: etwas in Form bringen, bilden oder gestalten. Die Bedeutung von Information lässt sich danach beurteilen, ob sie neue Information erzeugt, wobei Bedeutung kein objektiver Begriff ist, sie entsteht vielmehr in einem reflektierenden Lebewesen.

Aufgrund der Betragsidentität zwischen Information und Entropie wird deshalb letztere, einem Vorschlag Weizsäckers folgend, auch als potenzielle, die negative Entropie – »Negentropie« – dagegen als aktuelle Information bezeichnet (Lyre, 1998, S.33). Potenzielle Information beinhaltet Möglichkeiten für künftiges Handeln auf der Basis aktueller Information, die man in der Vergangenheit erhalten hat. Der Erwartungswert des Neuigkeitsgehalts – also die Informationsentropie – eines noch nicht geschehenen Ereignisses, ist ein Maß dessen, was man wissen könnte, aber zur Zeit nicht weiß. Da die durch den Zweiten Hauptsatz beschriebenen Vorgänge irreversibel sind, führt das Wachstum potenzieller Information auch zum Anwachsen von aktueller Information, denn die potenzielle Information der Zukunft verwandelt sich stets in aktuelle Information der Vergangenheit. Je mehr aktuelle Information vorhanden ist, desto mehr Möglichkeiten künftigen Handelns erschließen sich (ebd., S.62). Erfahrung ließe sich demnach interpretieren, wie aus aktueller auf potenzielle Information zu schließen ist.

Die Bedeutung von Information ist dadurch bestimmt, ob neue Information erzeugt wird. So ist es naheliegend, dass es auch Information über Information geben kann. Dem Informationsbegriff ist somit die Möglichkeit der Selbstbezüglichkeit inhärent, die eine Voraussetzung für die Möglichkeit der Selbsterkenntnis ist, oder wie es Görnitz (ebd. 2008, S.21) ausdrückt: „Information ist zu interpretieren durch ein ihr in der kosmischen Evolution eingeprägtes Streben nach Selbsterkenntnis.“

Auf Chalmers geht die Idee zurück, Bewusstsein aus zwei verschiedenen Blickwinkeln zu untersuchen, die er als das »easy« bzw. »hard problem of consciousness« bezeichnet. Das leichte Problem befasst sich mit Fragen der Unterscheidbarkeit und Kategorisierung von Informationen, der Aufmerksamkeit oder Kontrolle des eigenen Verhaltens (ebd. S.200f). Das schwierige Problem des Bewusstseins dagegen befasst sich mit der Empfindung von Sinneseindrücken, Emotionen oder Gedanken, dem was Thomas Nagel als »Qualia« bezeichnet hat; Chalmers bezeichnet das als Erfahrung (ebd. S.201), wobei er zwischen der physikalischen Funktion und der Wahrnehmung etwa von Farbe unterschiedet. Denn, so Chalmers, eine physikalische Theorie kann nicht das Empfinden erklären und ohne Erfahrung lässt sich schlicht nichts denken. Diese Lücke wird als »explanatory gap« bezeichnet und um diese zu schließen, braucht es ein „interdisziplinäres Brückenkonzept“ – eine psychophysische Theorie wie physikalische Prozesse zu Empfindungen führen (ebd. S.210). Als ein solches Brückenkonzept schlägt er den abstrakten Informationsbegriff von Shannon vor, den man sowohl zur funktionalen als auch zur phänomenologischen Beschreibung bewusster Empfindung oder Erfahrung heranziehen kann (ebd. S.216).

Diese Form der Information ist allgegenwärtig, ist doch die Veränderung als Folge des Zweiten Hauptsatzes bis zum Ende der Zeit allgegenwärtig und deshalb nimmt Bewusstsein im Sinne von Chalmers in einem entropisch offenen System wie der Erde zu. Dies passt durchaus auch mit Beobachtungen der Evolutionsbiologie zusammen – dem sog. »cultural masking« (Luisi, 2009, S.128), – nämlich dass Menschen auf Kultur und Bewusstsein angewiesen sind, weil es ihre Überlebenschancen erhöht.

Eine wesentliche Eigenschaft des Gehirns liegt in der Schaffung von Mustern; es kartiert sowohl die Umwelt als auch die eigene Tätigkeit (Damásio, 2010, S.30). Dieser Kartierungsprozess ist für Damásio ein wesentlicher Bestandteil des Bewusstwerdungsprozesses und Voraussetzung von Subjektivität – der sog. »first person view« –, wobei das Gefühl definierendes Merkmal beim Erleben dieser Bilder ist. „Das Gefühl, das die subjektiv erlebten Bilder durchtränkt“ (ebd., S.22), ist genau das, was Chalmers als Qualia bezeichnet. Diese Qualia sind im Gehirn nicht etwa „fest verdrahtet“; sie liegen in Form von Dispositionen vor. „Unsere Wissensgrundlage ist implizit, verschlüsselt und unbewusst“, schreibt Damásio. Und diese „Dispositionen sind keine Wörter, sondern abstrakte Aufzeichnungen von Möglichkeiten“ (ebd. S.157). Diese Dispositionen und abstrakten Aufzeichnungen hat C. G. Jung bekanntlich als Archetypen bezeichnet.

3.          Weitere Arbeiten

Wie dies alles mit der Protyposis zusammenhängen könnte ist noch ungeklärt, ebenso auch, ob Chalmers‘ Ansatz zielführend ist. Der französische Wissenschaftsphilosoph Michel Bitbol vertritt einen ähnlichen Standpunkt wie Chalmers bezüglich dessen »hard problem of consciousness«; für ihn ist Bewusstsein „existentiell, transzendental und methodisch primär bzw. elementar“ (ebd. 2008, S.68), dennoch scheint sein Konzept noch darüber hinaus zu gehen. Hier ist also noch Arbeit zu tun. Ebenso würde auch Francisco Varelas ingeniöses Modell zur Erzeugung und zirkulären Wechselwirkung von phänomenaler Erfahrung und wissenschaftlicher Objektbildung eine ausführlichere Diskussion verdienen, findet letzteres doch sowohl bei Bitbol wie Görnitz Eingang. Bitbol stellt Varelas Modell ausdrücklich die nach seiner Meinung unzureichenden Vorstellungen von Chalmers gegenüber. Zu diesem Komplex gehört auch die Frage, inwieweit der Entropiebegriff und damit der Zweite Hauptsatz mit zu dieser „Bewusstseins- und Informationschose“ hinzugezogen werden muss. Hier bleibt also noch Arbeit zu tun und erst nach einer kritischen Überprüfung, so die Hoffnung, könnten wir guten Gewissens den einen oder anderen Ansatz zur Beschreibung der repräsentierenden Wahrnehmung fallen lassen, also in unserem Fall die „Bewusstseins- und Informationschose“ oder die Quantentheorie.

Ein weiteres Thema, was sich insbesondere nach der Lektüre von Görnitz als zunehmend wichtig erweist, ist eine genauere Herausarbeitung der Unterschiede zwischen einem „(psycho-)analytischen“ und „systemischen Ansatzes“. Hierzu ist ja an dieser Stelle vor einem Jahr schon etwas geschrieben worden. Görnitz wie auch Atmanspacher gehen hiermit sehr leichtfertig um. So schreibt Görnitz zur repräsentierenden Wahrnehmung: „Gemeinsam geteilter Zustand von Quanteninformation zwischen Stellvertreter und Klienten“. Dies mag ev. für das Phänomen der Gegenübertragung zutreffen, wie sie schon Freud beschrieben hat, bei Aufstellungen ist es jedoch weit komplexer, denn hier handelt es sich um systemische Phänomene, die nicht nur von einer 1:1-Situationen zu unterscheiden sind, sondern auch das Verhältnis zwischen Modell und dem zu Modellierenden ist dabei zu berücksichtigen. Ob – wie von Atmanspacher und Görnitz vorgeschlagen – dasselbe Erklärungsmetapher wie bei der Verschränkung hier greift, ist eher fraglich. Für unsere Arbeit würde in einem solchen noch zu definierendem systemischen Ansatz auch die Grundlage für einen eigenständigen Weges liegen, mit denen wir uns sowohl von Görnitz als auch Atmanspacher (ebd. S.401) differenzieren würden.

Ein dritter Punkt, der noch Beachtung verdient, ist das transpersonale Bewusstsein. Hierzu gibt es ebenfalls quantentheoretische Ansätze, die sich an denen von Atmanspacher orientieren (siehe etwa Walach, 2007).

Wir hätten damit eine „vierdimensionale“ Polyperspektive die sich in drei zwei-spaltigen Tabellen darstellen ließe. Die erste dieser Tabellen gibt es ja bereits, bedarf allerdings noch der Überarbeitung und einer Zusammenfassung samt kritischer Würdigung.

 

4.          Literatur

  1. Atmanspacher, H. et al. (2002): Weak Quantum Theory: Complementarity and Entanglement in Physics and Beyond; Foundations of Physics, Vol. 32, No. 3
  2. Bitbol, M. (2008): Is Consciousness Primary? NeuroQuantology, 6, No.1, p53-72.
  3. Chalmers, D. (1995): Facing up to the problem of consciousness; Journal of Consciousness Studies, 2, No.3, S.200-219.
  4. Damásio, A. (2010): „Selbst ist der Mensch – Körper. Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins„; Siedler Verlag, München.
  5. Luisi, P.L. (2009): „Mind and Life„; Columbia University Press, New York.
  6. Lyre, H. (1998): „Quantentheorie der Information„; Springer Verlag, Wien, New York.
  7. Searle, J.R. (1997): „The Mystery of Consciousness„; New York Review Books; New York.
  8. Shannon, C. (1948): A Mathematical Theory of Communication; http://worrydream.com/refs/Shannon%20-%20A%20Mathematical%20Theory%20of%20Communication.pdf
  9. Walach, H. (2007): Mind – Body – Spirituality; Mind & Matter Vol. 5(2), pp. 215–240
  10. Walach, H, et.al. (2005): Transpersonale Psychologie; Psychother. Psych. Med, 55: S.405-415

 

 

Thomas und Bernhard

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Verfasst von: philgrundsyst | 15. Juli 2016

Virtual Reality, Bewusstsein und Repräsentierende Wahrnehmung

In meinem beruflichen Umfeld wird Virtual Reality und Augmented Reality eine zunehmend wichtigere Rolle fürs Lernen spielen. So ganz neu ist das ja nicht, aber jetzt wird die notwendige Technik (z.B. VR-Brillen) zur bezahlbaren Massenware. Erstaunlich ist es immer wieder, wie schnell man in einer solchen Umgebung vergisst, dass es sich nicht um eine reale Umgebung handelt. Mit aufgesetzter VR Brille fühlt, denkt, leidet, reagiert man – ohne Unterschied zu einer „lebensechten“ Situation. Die Unterscheidung echt oder virtuell verschwimmt vollständig. Diese Erfahrung machen schon bald Millionen Menschen (bis Ende 2017 sollen 4 Millionen VR-Brillen verkauft sein).

Bild: fill von Pixabay

Bild: fill von Pixabay

Unserem Bewusstsein ist offenbar der Unterschied zwischen real und virtuell egal, wenn es nur einigermaßen real aussieht. Wir sind voll drin in der gerade unsere Sinne umgebenden Szene. Da reicht schon eine Brille vor den Augen, die wir ganz bewusst aufgesetzt haben. Wir wissen sogar, dass es eine Täuschung ist. Es nützt aber wenig, plötzlich ist das gar nicht Existierende vollständige Realität für uns. Wie sehr sich Menschen damit auseinandersetzen, und was für mögliche Schlüsse sie daraus ziehen, kann man in diesem VR-Forum gut nachlesen.

Ich beschreibe das hier, weil die Diskussion über Virtuelle Realität auch ein möglicher Zugang zur „Repräsentierenden Wahrnehmung“ bei Aufstellungen sein kann. Auch dort lässt sich unser Bewusstsein auf andere Empfindungen ein, die mit der eigenen realen Situation gar nichts zu tun haben. Repräsentanten fühlen, denken, sprechen anders in einer Aufstellung. Ihr Bewusstsein stellt sich auf eine andere Umgebung ein, als real in diesem Raum zu dieser Zeit ohne das Aufstellungssetting zu erwarten wäre. Empfinden Repräsentanten eine Aufstellung evt. als virtuelle Realität?

Karlheinz

Verfasst von: philgrundsyst | 1. Februar 2016

Beschreibung von Objekten vs. Beziehungen

Schaut Euch mal dieses Video an, da beschreibt Gerald Hüther seine Sicht, dass Schüler zu Objekten gemacht werden, die dann wiederum andere als Objekte betrachten:

Ist diese Umkehrung der Sichtweise – von den Objekten zu den Beziehungen – nicht die Kernaufgabe einer jeden SySt? Und sind wir da nicht an einem ganz großen Thema unserer derzeitigen Gesellschaft?

Zurück zu unserer Suche nach Erklärungen für repräsentative Wahrnehmung: Ist repräsentierende Wahrnehmung dann nicht so eine angeborene urmenschliche Fähigkeit, wie das Atmen oder Verdauen, das wir ja auch nur beobachten und beschreiben können? Ist repräsentierende Wahrnehmung vielleicht die verdrängte Urfähigkeit, dem sich die Gesellschaft heute mit „Emotionaler Intelligenz“ wieder nähert?

Auch unsere bisherigen RW-Erklärungsmodelle sind immer objektbezogen, weil das unsere einzig eindeutige Beschreibungssprache ist. Dabei sind Beziehungen sehr wahrscheinlich nicht konkret beschreibbar – und erst recht nicht ihre Wirkungsmechanismen. Es spricht einiges dafür, dass wir Menschen, die wir in komplexen Beziehungssystemen groß werden, eine Grundfähigkeit zur repräsentierenden Wahrnehmung mitbekommen haben, um uns in komplexen Systemen  zurechtzufinden. Diese Fähigkeit kultivieren wir aber schon lange nicht mehr. Deshalb scheint sie so ungewöhnlich.

Karlheinz

Ja, das hängt mit Sicherheit, zusammen, Karlheinz. Nur, einer der Haupteffekte der Wahl der Quantentheorie ist ja deren radikaler inhärenter „Beziehungen“-Charakter. Das würde massiv helfen, repräsentierende Wahrnehmung nicht mehr objektbezogen aufzufassen.
Auch sagen wir ja, es handele sich um ein spezielles Simulationsverhältnis von simulierendem und simuliertem System. Darin impliziert ist das Abrücken von jeglichem objektifizierendem Abbildungsverhältnis. (Was nicht heißt, daß wir diese Art von (fast) Wechselwirkung schon genug im Griff haben.)
Wartet auf die Tabellen!

Thomas

Verfasst von: philgrundsyst | 1. Dezember 2015

Über den systemischen und psychoanalytischen Ansatz

Atmanspacher et al. haben einen axiomatischen Rahmen für die Begriffe »Verschränkung« und »Komplementarität« definiert. Aus diesen Axiomen lässt sich beispielsweise die Unbestimmtheitsrelation für zwei nicht-kommutative Operatoren p und q (in der Quantentheorie würde dies etwa dem Impuls- bzw. Ortsoperator oder dem Energie- bzw. Zeitoperator entsprechen) ableiten. Damit erhält diese Ungleichung einen »ontischen«, einen vom Bewusstsein des Beobachters unabhängigen Charakter. Die obige Ungleichung ist integraler Bestandteil der Quantentheorie; sie ist nicht epistemischer Natur, sie existiert unabhängig von den Unzulänglichkeiten eines Messinstrumentes. Sie ist unabhängig von der Tatsache, dass etwa zur Ortsbestimmung eines Teilchens, die Wellenlänge λ kleiner sein muss als der Durchmesser dieses Teilchens und je kleiner die Wellenlänge desto größer ist die Frequenz der Strahlung, mit der das Teilchen zu lokalisieren ist. Wegen der Proportionalität zwischen Energie und Frequenz folgt daraus: Je genauer die Ortsbestimmung, desto höher ist die Energie, mit der das Teilchen „beschossen“ werden muss und damit je unbestimmter dessen Impuls. Dies ist eine epistemische Argumentation und damit grundverschieden von einer ontischen, axiomatisch begründeten Argumentation.

Eine ähnliche Situation findet sich in dem Verhältnis zwischen Unbewusstem und Bewusstsein, weshalb zu Ende des 19. Jahrhunderts William James dieses Verhältnis als »komplementär« (ebd., 1890, S. 206) bezeichnete. Der Prozess, Unbewusstes bewusst zu machen, kann mit dem Messprozess verglichen werden; Teile des Bewusstseins entsprechen dem physikalischen Messinstrument. Diese Analogie bezieht sich allerdings nur auf die Quantenmechanik, verändert der Messprozess ja den Quantenzustand genauso, wie sich die Berührung des Bewusstseins mit dem Unbewussten auch diese beiden verändert. Wohl auch deshalb hat Bohr 35 Jahre später diesen Begriff von James übernommen und in die Quantenmechanik eingeführt.

Atmanspacher et al. postulieren (ebd. S.401), dass das psychoanalytische Phänomen der »Gegenübertragung« – wo der Analytiker innere Zustände wie Emotionen, Affekte, Bilder, Phantasien etc. empfindet, die der Analysand auf ihn überträgt, die also nicht seinen eigenen sind, – eine Form der Verschränkung mentaler Zustände ist. Darüber hinaus lässt sich das Phänomen der »repräsentierenden Wahrnehmung« in Aufstellungen als Form der Gegenübertragung verstehen. Verschränkung dient hier also auch als Erklärung für die repräsentierende Wahrnehmung. Dieses Postulat zieht als Konsequenz nach sich, dass psychoanalytische Phänomene wie Übertragung und Gegenübertragung gleiche Ursachen wie systemische Phänomene, in diesem Fall die repr. Wahrnehmung haben. Im folgenden soll deshalb untersucht werden, ob das aus erkenntnistheoretischen Gründen Sinn macht.

Dem »psychoanalytischen Ansatz« liegt im Gegensatz zum »systemischen Ansatz« ein individualbezogenes Paradigma zu Grunde. Der systemische Ansatz hingegen basiert auf Gruppensimulationen und den Beziehungsstrukturen der Konstituenten. Die Gruppe mit ihren Konstituenten ist Träger der repräsentierenden Wahrnehmung, in der sich das Gruppenverhalten ausdrückt. Beim psychoanalytischen Ansatz übernimmt diese Rolle das persönliche und kollektive Unbewusste.

Diese Unterscheidung reicht jedoch nicht aus, um die beiden Paradigmen zu beschreiben. Denn schon Freud hat in seinem 1921 erschienenen Werk »Massenpsychologie und Ich-Analyse« den Grundstein für Wilfred Bions Übertragung des psychoanalytischen Paradigmas auf Gruppen gelegt. Auch Jung ist diesem Weg – wenn auch widerstrebend wie Freud – gefolgt und hat vom Gruppenunbewussten gesprochen, womit er die Tür für Gruppenarchetypen und die Typologie für Gruppen (siehe dazu Bridges) geöffnet hat. Der psychoanalytische Begriffsapparat lässt sich daher auch im unternehmerischen Kontext anwenden, z. B. um zu untersuchen,

• auf Art und Weise Entscheidungen im Unternehmen getroffen werden,
• welche Ziele, Regeln und Normen handlungsrelevant sind,
• warum bestimmte technische Lösungen favorisiert bzw. verworfen werden,
• wie sich der Umgang mit Kunden und Mitarbeitern gestaltet,
• wie die Konkurrenten und der Markt gesehen werden oder
• welche Stellung das Unternehmen innerhalb der Gesellschaft einnimmt etc.

Im Gegensatz zum individual-persönlichen Ansatz der Psychoanalyse braucht es „beim systemischen Gruppenansatz eine miteinander geteilte Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft“ – eine Vision –, „die sich daraus ergibt, dass es genau in dieser Teilnehmerzusammensetzung eine miteinander zu bewältigende Aufgabe zu lösen gilt“ (Königswieser, 2013, S. 69). Diesen Prozess bezeichnen Königswieser et al. als „Vergemeinschaftung des spezifischen Sinns des Miteinanders“. Erst diese Vergemeinschaftung schafft die Grundlage für die „Bereitschaft jedes einzelnen, mit persönlicher Energie in den Gruppenwerdungsprozess zu investieren“ (ebd.) und formt aus den Individuen ein »Wir«. Damit einher ist die Erwartung verknüpft, dass jeder in seinen persönlichen Besonderheiten gesehen und in einem gewissen Ausmaß auch geschätzt wird“ (ebd. S. 70), was sich im psychoanalytischen Umfeld ja nur auf zwei Personen bezieht.

Nichtsdestotrotz ist zu bedenken, dass Gruppen konfliktanfälliger sind als Individuen, da auch immer Fragen der interpersonellen Beziehungen mitverhandelt werden (ebd. S. 67). Neben der persönlichen Dimension geht es auf der Gruppenebene um das Erkennen von Strukturen, Prozessen, Rollen, Beziehungen, Erwartungen oder Normen und deren Auswirkungen (ebd.). Das Feedback als Herzstück der Gruppendynamik ist der zentrale Motor der Selbststeuerung; sie sensibilisiert die Wahrnehmung anderer Gruppenmitglieder. Feedback reduziert die »blinden Flecken«. Da der geschützte therapeutische Raum um die Gruppe erweitert wird, bedarf es einer zusätzlichen „Portion Mut und Belastbarkeit, sich diesem außergewöhnlichen Lernsetting zu stellen“ (ebd. S. 71). Aber genau dieses Feedback hilft beim Erkennen eigener Muster, Stärken und Schwächen.
Da man Teil des Systems ist, wird die „übliche Trennung von Erleben (Emotion) und Erkennen (Kognition) aufgehoben“: Man erlebt sein eigenes Denken und Fühlen und die Interaktion mit den anderen Gruppenmitgliedern (ebd. S. 65). Diese Verschiebung des »Schnitts« – vergleichbar des Heisenbergschnitts zwischen Messobjekt und Messapparatur – erlaubt die Wahrnehmung der verschiedenen Ebenen: dem was in einem selbst passiert und welche Auswirkungen das eigene Verhalten auf die Gruppe hat. Diese Außensicht auf einen selbst ist m.E. der wesentliche Unterschied zwischen systemischem und psychoanalytischem Ansatz: „Sensibilität und Achtsamkeit werden intensiviert, weil Erleben und Erkennen Hand in Hand gehen. Der eigene Anteil am Geschehen wird transparent.“ (ebd. S. 71f)

Auch in der Psychoanalyse gibt es das Äquivalent zum Heisenbergschnitt: Das Bewusstmachen unbewussten Materials lässt sich mit dem quantenmechanischen Messprozess vergleichen und der Teil des Bewusstseins, der an diesem Bewusstwerdungsprozess beteiligt ist, entspricht der Messapparatur (Atmanspacher, S. 402). Für die Anwendung der Verschränkungsmetapher ist es dabei unerheblich, ob es sich um Zustände zweier Personen (Analysand und Analytiker) oder um eine ganze Gruppe handelt; die Komplexität ist im Gruppenprozess eine höhere natürlich.

In einem Tweet vom 25. 11. 2015 stellt Karlheinz die Frage: „Ist Wissen das Wissen der Einzel-Personen, oder das eines Teams?“ Dahinter steckt die Frage, ob Gruppen so etwas wie ein »transpersonales Bewusstsein« (Walach, 2007, S. 220) hervorbringen können, das der „versammelten Egos“ (Perlman, 1992, S.185) übersteigt. Ein solches transpersonales Bewusstsein würde sich dann auch in Aufstellungen wiederfinden. Akzeptiert man die Verschränkungsmetapher für systemische Phänomene wie die repräsentierende Wahrnehmung als auch für das psychoanalytische Phänomen der Gegenübertragung, so würde das auf nicht-lokale Korrelationen von Gehirnfunktionen hinweisen und – weiterhin – dass das individuelle Bewusstsein Einfluss oder Zugang zu einer Realität jenseits des eigenen Leib-Seele-Komplexes hätte, also außerhalb des Selbst. (Walach, 2007, S. 230)

Literatur
[1] Atmanspacher, H. et al. (2002): Weak Quantum Theory: Complementarity and Entanglement in Physics and Beyond; Foundations of Physics, Vol. 32, No. 3.
[2] Bion, W. (1971): „Erfahrungen in Gruppen“; Klett Verlag, Stuttgart.
[3] Bridges, W. (1998): „Der Charakter von Organisationen“; Hogrefe, Göttingen.
[4] James, W. (1890): „The Principles of Psychology – Volume I“; Henry Holt, New York.
[5] Freud, S. (1921): „Massenpsychologie und Ich-Analyse“; Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig.
[6] Königswieser, R. et al. (2013): Back to the Roots? OrganisationsEntwicklung 1|13
[7] Perlman, M. (1992): Toward a Theory of the Self in the Group; in: „Psyche at Work: Workplace applications of Jungian analytical psychology“; Chiron Publications, Wilmette.
[8] Walach, H. (2007): Mind – Body – Spirituality; Mind & Matter Vol. 5(2), pp. 215–240.

Bernhard v Guretzky

Verfasst von: philgrundsyst | 30. November 2015

Quantentheorie als Konstruktivismus?

 

In der ersten Phase der Quantenmechanik war man so irritiert von den vielen nicht-klassischen Phänomenen, die da zutrage traten, dass man vollauf damit beschäftigt war, diese Abweichungen von der bisher unbezweifelt gültigen klassischen Physik zu verstehen. Es stand also der Abweichler im Zentrum der Aufmerksamkeit. Nach einigen Jahrzehnten jedoch hatte sich die Quantentheorie derart konsolidiert – ihre empirischen Erfolgsergebnisse waren unübertroffen –, dass sich die Frage drehte. Jetzt erwies sich das bisher Wahrscheinlichste, nämlich die klassische Physik, als das Unwahrscheinlichere, und die Frage musste lauten: wie ist bei der universellen Geltung der Q-theorie denn so etwas wie eine klassische Physik ihrerseits überhaupt möglich?

Da es die Q-theorie mit Beziehungen zwischen Objekten, mit ausgedehnten Objekten und deren Gehalt als Möglichkeiten zu tun hat, wurde das bisher Selbstverständliche nunmehr problematisch: wie sind getrennte Objekte d. h. Fakten, als die Gegenstände der klassischen Physik, überhaupt möglich?

Und da die Möglichkeiten der quantentheoretischen Beschreibung stets einer Überführung in Fakten bedurften, um überhaupt noch Physik zu sein, rückte der dies bewerkstelligende sog. „Messprozess“ ins besondere Licht der Aufmerksamkeit. Q-Physik konnte es also ohne klassische Physik nicht geben, beide schienen aufeinander angewiesen. »Korrespondenzprinzip« nannte das Niels Bohr. Ist die Quantenphysik nun aber die universellere Theorie, dann fragt sich bald: wie ist die klassische Physik auf die Q-physik angewiesen und wie genau soll man sich das ausmalen?

Wenn man „Messvorgang“ sagt zur Erläuterung der Faktenwerdung der q-theoretischen Möglichkeiten, so ist der „Beobachter“ nicht mehr fern. Dieser Beobachter sollte es sein, der die Faktenbildung bewerkstelligen, eben letztlich „konstruieren“ würde. Endlich also eine „subjektive“ Komponente in der objektiven Naturwissenschaft! Aber das Nachfragen ließ nicht los. Der konkrete individuelle Wissenschaftler im Experiment, die Experimentanordnung als solcher und ganzer, wo steckte er, „der Beobachter“? Schließlich gab Heisenberg die Auskunft, es könne sich immer nur um einen „Schnitt“ handeln, welcher durch Theorie wie Experiment in den ungeteilten Komplex und/oder Prozess der q-theoretischen Möglichkeitskonstellationen gelegt werde und dieser Schnitt sei „verschieblich“.

Dies war die äußerste Möglichkeit der sog. »Kopenhagener Interpretation«. Ohne Subjekt-/Objekt-Spaltung, wie variabel auch immer angesetzt, keine Naturwissenschaft mehr. Hier das Phänomen ausgedehnter Quantenobjekte als Möglichkeitsspeicher (besser: permanentem -generator), hier der menschlich-konstruktivistische Eingriff.

In neueren Forschungen zeichnet sich die Vorstellung ab, dass die Faktenbildung aus dem Potenzial der quantentheoretischen Möglichkeiten von der Natur selber unternommen werde, unter ganz spezifischen Bedingungen, welche mit der Entropie schwarzer Löcher zu tun haben.

Das würde bedeuten, dass die Natur sich fortgesetzt selber in Teile und Fakten zerlegt, dass sie mithin „autokonstruktivistische“ Vorgänge beinhalte. Und was der menschliche Physiker im Vollzug seiner strengen Forderungen an eine exakte Naturwissenschaft aus eigenen Gesetzeseinsichten vollzieht und produziert, nämlich das Herunterbringen, „Herunterbrechen“ komplexer Möglichkeiten und Beziehungskonstellationen auf Fakten, Entitäten, Gegebenheiten, d.h. Handhabbarkeiten für uns, damit befände er sich in Übereinstimmung mit Naturprozessen selber.

Eine Station vor einem solchen Generalfeedback menschlicher naturwissenschaftlicher Handlungen in den – auf neuer, nämlich quantentheoretischer Ebene erkannten – Naturprozess selber, sieht eine zusammenfassende Beschreibung der hier relevanten Grundverhältnisse etwa so aus:

„Wenn wir die Quantentheorie gedanklich in aller Strenge nachvollziehen, so gibt es gar keine einzelnen Objekte und alles ist lediglich ein einziger Quantenzustand.

Und da die Quantentheorie keine Gültigkeitsgrenzen bisher aufzeigt, also im ganzen Kosmos gilt, wäre demnach nichts getrennt, vielmehr mit allem Anderen verbunden. Damit wäre letztendlich die ganze Welt das einzig mögliche Objekt einer universellen und ohne Einschränkung gültigen Quantentheorie.

Wir Menschen können aber nicht die ganze Welt auf einmal erfassen, sondern wir müssen aus ihr – zumindest gedanklich – Teile herauslösen, die unseren Beschreibungsmöglichkeiten angemessen sind. Dies wird durch die zerlegende Struktur der klassischen Physik ermöglicht, denn sie ist ja gerade diejenige Beschreibung, die die Welt in einzelne Objekte zerlegt.

Das bedeutet, dass sowohl der Teil der Physik, der die Welt durch Fakten erfasst – die klassische Physik – als auch der, der sie in ihren Möglichkeiten beschreibt – die Quantentheorie – für eine auch mit der Alltagserfahrung übereinstimmende Erfassung der Welt benötigt wird.“ (Thomas Görnitz/ Brigitte Görnitz, Die Evolution des Geistigen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, 87 f)

Oder vielleicht schöner (und präziser):

„In der Quantentheorie lässt sich ein Objekt in Teilobjekte zerlegen, besteht aber nicht an sich aus ihnen. Man sieht das daran, dass es verschiedene, begrifflich unvereinbare Teilungen zulässt (technisch gesagt: verschiedene Zerlegungen des Hilbertraums). Es ist also ein Ganzes, das nicht aus Teilen besteht, sondern bei der Zerlegung in Teile seine Ganzheit verliert. So „ist“ ein Atom nicht ein System aus Kern und Elektronen, sondern man findet nur Kern und Elektronen, wenn man das Atom zerstört. Ebenso „ist“ dieser Tisch nicht ein Gebäude aus Atomen, sondern man findet Atome, wenn man den Tisch radikal auflöst. Der Gültigkeitsbereich getrennter Objekte ist genau der Bereich klassischer Näherung, in dem die „Phasenbeziehungen“ zwischen den Objekten … als vernachlässigbar angesehen werden. Versuchen wir nun die ganze Welt als ein quantentheoretische Objekt zu denken, so „ist“ die Welt wiederum nicht die Vielheit der Objekte in ihr, sondern sie zerfällt nur für den vielheitlich objektivierenden Blick in diese Vielheit.“ (Carl Friedrich v. Weizsäcker, Gopi Krishna, Die biologische Basis religiöser Erfahrung. Suhrkamp, Frankfurt/Main, 1988, 46f.)

Thomas Hölscher

Verfasst von: guretzky | 27. Oktober 2015

Tetralemma etc.

Der folgende Austausch ist einer per Email geführten Diskussion entnommen…

24.10.2015 von Bernhard:

„Some physicists hope for the possibility of a return to the classical idea of the detached observer, whose effects on the observed system could always be eliminated by theoretically determinable corrections. Others, with whom I belong myself, have, in the contrary, hopes just in the opposite direction. What has impressed me most in the development, which in 1927 eventually led to the establishment of present wave mechanics is the fact that real pairs of opposites like particle versus wave or position versus momentum, or energy versus time, exists in physics, the contrast of which can only be overcome in a symmetrical way. This means that one member of the pair is never eliminated in favour of the other, but both are taken over into a new kind of physical law, which expresses properly the complementary character of the contrast. It seems to me likely that the situation is similar in the case of the concepts of field versus test bodies. A field can only be measured by its effects on test bodies, and the test bodies can also be considered as sources of the field.“ (Pauli: Writings on Physics and Philosophy)

25.10.2015 von Karlheinz:

Gute Idee, mit der Umwandlung zum Teilchen nicht das Verschwinden der Welle zu sehen. Wir hatten auch schon mal den Vergleich von Aggregatszuständen (flüssig – fest) benutzt, das ist ja eine ähnliche Vorstellung. Allerdings sind die reversibel. Kann man eigentlich aus einem Teilchen wieder eine Welle machen?

25.10.2015 von Bernhard:

Ich fand den letzten Teil vom Gesichtspunkt der Aufstellung her interessant. Feld und Testkörper. Das Verhältnis ist ja ähnlich wie beim Aufstellen.

Und interessant auch, dass ein Aspekt nie durch den komplementären ersetzt wird, sondern beide Teil eines „höher“ angesiedelten Gesetzes werden. Wie beim Tetralemma.

25.10.2015 von Karlheinz:

Das Tetralemma habe ich noch nie als Umwandlungs-Instrument gesehen, nur als hilfreiche Möglichkeit andere Perspektiven einzunehmen, um damit ein anderes Bild auf die gleiche Sache zu bekommen. Hmm, aber man kann es ja auch als Mess-Aufbau sehen. Damit wandeln wir die bisherigen Gedanken in etwas Neues um. Das folgt dann aber nur in der fünften Position einem „höheren Gesetz“.

25.10.2015 von Thomas:

Wie sollte die fünfte Position, als „Nicht-Position“, welche sie doch gerade ist, und welche sich sogar obendrein selber permanent aufhebt („all dies nicht“ (=1. – 4.) – „und auch das nicht“ (nämlich die fünfte selbst)) denn jemals so was wie ein „höheres Gesetz“ darstellen können?

Das ist eine falsche Ontologisierung bzw. sogar ‚Metaphysizierung‘, in welche die Gedankengänge der Jungianer m.E. immer wieder verfallen, da sie in der Wolle gefärbt ’substanzialistisch‘ denken und nicht ‚funktional‘. Aber nur Ruhe – dieser Fehler begegnet uns schon im frühen Buddhismus, wo es manchen Leuten bereits schwerfiel, die ganze Radikalität Nagarjunas (der das sog ’negierte Tetralemma‘ eingeführt hat) und seiner ‚Logik der Leere (shunya)‘ – denn um das handelt es sich hier – zu verstehen bzw. nachzuvollziehen.

Übrigens: dieser Grundcharakter der „Leere“ ist es (u.a.), der mich für eine scheinbar so luftige Kategorie wie Görnitz‘ „Protyposis“ (d.h. abstrakte, bedeutungsfreie oder leere Information) einnimmt.

25.10.2015 von Karlheinz:

Thomas, ich bin zwar nicht über Nagarjunas Ideen informiert, aber entspricht denn die Leere nicht genau dem Raum der Möglichkeiten? Und in den Tetralemma-Aufstellungen gehen wir auch vom Ebenen-Wechsel aus – in die 5. Position. Dieses „All dies nicht und auch das nicht“ verstehe ich nur aus der bisherigen Position 1 bis 4. Von hier unten kann man die fünfte nicht verstehen. Aber wenn der Ebenen-Wechsel geschafft ist, dann gibt es da oben womöglich wieder eine Position 1 bis 4.

26.10.2015 von Thomas:

Das ist eine ganz gute Lesart, Karlheinz, die Fünfte mit dem Raum der Möglichkeiten zusammenzubringen. Aber auch hier mit einer Möglichkeit, die nicht gesetzesförmig ist! Du wirst dich wundern, in der Philosophie gibt es aber permanent die Versuche, die Möglichkeiten doch wieder auf ein Erzeugungsprinzip etc. etc. zurückzubinden, also handhabbar zu machen.

Um so etwas zu vermeiden, hier die zweifache Negation bei Nagarjuna: zunächst einmal „all dies“, nämlich die vorher durchlaufenen Positionen 1. – 4. – dann aber eben noch zusätzlich die Selbstnegation dieses eigentlichen ersten Negationsaktes selber. Ein anderes Beispiel bei Nagarjuna lässt den Satz „all is empty“ selber und seinerseits diesem Diktum unterworfen – also selber „leer“ – sein. Wohin wir damit geraten, fühlt sich recht schwindelerregend an. Boden unter die Füße bekommen wir, wie du selber schreibst, indem wir eine neue Serie 1-4 starten etc. etc. Der Clou dabei ist, dass dieser neue zweite Durchlauf der 4 Positionen von da an selber insgesamt in der Schwebe bleibt und zu nichts Ontologischem etc. verfestigt werden kann.

Ungefähr so. Der Mann ist äußerst tricky m.E. und weit davon entfernt, ein bloßer Spieler zu sein.

Verfasst von: philgrundsyst | 9. September 2015

Quanten-Spiele

Die sog „repräsentierende Wahrnehmung“ ist das Zentralphänomen, der Eckstein der Aufstellungsarbeit. Ohne eine bestimmte Beziehung, besser Korrelation zwischen der Aufstellungsgruppe (Personen oder Gegenständen) und den Ereignissen oder Entitäten (von Personen bis Abstrakta), „für die“ sie steht, sind irgendwelche produktive Wirkungen von Aufstellungen nicht gegeben. Am strengsten fasst man diese ‚Beziehung‘ als Modellbildung. Ein Modellsystem (die Mitglieder der Aufstellungsgruppe) bildet ein Modell (steht in einem gewissen sehr allgemeinen Abbildungsverhältnis zu) von einem modellierten System (dem System der Anliegen relevanten Phänomene). Dieser Modellbildungs-(oder Abbildungs-)Vorgang vollzieht sich im Medium der (veränderten/verändernden) Körperempfindungen der „Repräsentanten“, der Mitglieder der Aufstellungsgruppe, welche „stellvertretend“ für die Systemmitglieder des aufgestellten Systems wahrnehmen, empfinden, agieren; anders gesagt: diese ‚Systemmitglieder“ bzw. Anliegen relevanten Themen repräsentieren auch im Sinne von „darstellen“. Wie ist so etwas möglich? Wie kann es ein Verhältnis von „Beziehung“, von „Abbildung“, von „Repräsentation“/“Darstellung“, von „Simulation“, von „Modellbildung“, von „Korrelationen“ zwischen nicht kausal aufeinander bezogenen Phänomenbereichen geben, welche räumlich wie zeitlich nichtpräsent, also getrennt von einander sind, nicht in einer Nähebeziehung zu einander stehen? Eine Beschreibung, die schwierig klingt und noch Schwierigeres in möglichen Erklärungen befürchten lässt, jedoch in der konkreten Erfahrung nichts weiter als ein – wenn auch verwunderliches – normales, übliches Phänomen betrifft.

Einiges an sehr heterogenen Erklärungsversuchen wurde bisher schon vorgebracht. Wenn aber (interne) subliminale Effekte, (externe) okkulte Phänomene jeglicher Art, Psi-Phänomene, Telepathie und morphogenetische Felder (Sheldrake) ausscheiden sollen, wie könnte man sich sonst einen Reim darauf machen? Ein wichtiger Kandidat wäre ein passender Resonanzbegriff, der aber liegt in zureichender Komplexität noch nicht vor. So soll hier eine kleine Skizze möglicher fruchtbarer Analogien (oder mehr) zwischen Aufstellungseffekten und Quantentheorie vorgestellt werden.

Natürlich soll „Quantentheorie“ im allerstriktesten naturwissenschaftlich-physikalischen Sinn gemeint sein (im völligen Bewusstsein der Riesenfülle existierender hochproblematischer Indienstnahmen von Quantenphänomenen und -theorie in esoterischen und New-Age-Kontexten). Andererseits ist der Witz der Quantentheorie, der sie auch interessant für unsere Fragestellung macht, dass sie klassisch-physikalische Denkweisen überschreitet (bzw. unterläuft). Außerdem sei hier, aus der ebenso großen Fülle verschiedener quantentheoretischer Theoriebildung und Forschung, der Ansatz von Carl Friedrich von Weizsäcker, in der Weiterführung durch Thomas Görnitz zugrunde gelegt, mit einigen Seitenblicken auf die wissenschaftsphilosophische Diskussion sowie auf Anton Zeilinger und neuerdings unter Einbeziehung alternativer Darlegungen von Nicolas Gisin (ohne deren weiterführende Konsequenzen schon vollständig ausschöpfen zu können).

Die umfassendste und differenzierteste Darstellung der repräsentierenden Wahrnehmung (RW) und der übrigen Aufstellungseffekte, die für Strukturaufstellungen relevant sind, findet sich in Matthias Vargas „Metakommentar“ im Band „Aufstellungsarbeit revisited… nach Hellinger?“ (Seiten 200-250). Wichtigste Charakteristika beider sind:

  • der durchgehend relationale – unterschiedsbasierte – Charakter aller relevanter Phänomen
  • der komparativ systemische(re) Charakter d.h. statt Zuschreibung von Eigenschaften an Systemelemente/Personen zunehmend Betrachtung von Relationen, Kontexten, Strukturen, Beziehungsqualitäten
  • Nichteinzelpersonenspezifische Wahrnehmungsformen d.h. auch hier Gruppensimulationen, Beziehungsstrukturen und systemische wie Systemprozesse als grundlegender
  • der Zwischenraum, das „Zwischen“ aus Martin Bubers dialogischer Philosophie entsprechend als Grundmetapher, beides verbindend: das Nichteinzelpersonenspezifische mit dem Unterschiedsbasiert-Relationalen
  • syntaktisches Vorgehen d.h. auf struktureller statt inhaltlicher Information basierend sowie folglich einem Postulat von Deutungsverzicht folgend, und schließlich
  • als zentrales Leitmotiv: das Fokussieren auf Veränderungen und Verbesserungen des gesamten Verfahrens versus bloße diagnostische Ist-Feststellungen sowohl von Systemen als auch von Beziehungen; anders ausgedrückt: die grundlegende Bezogenheit auf Möglichkeiten, auf die Veränderung des Möglichkeitsraumes des Klienten abzielend.

Ganz zum Schluss kommt es zu einer Überlegung zu der bis dato noch ominösen Art der Wirkungen von Aufstellungen auf die Systemmitglieder, mithin vor allem der repräsentierenden Wahrnehmung. Einer Anregung von Insa Sparrer folgend, stellt Varga zwei Denkweisen gegenüber: eine „Metapher der Verbindung“ und eine „Metapher der Trennung“. Sie hatte bemerkt:

„Vielleicht stellen wir die ganze Zeit die falsche Frage. Wir gehen davon aus, dass wir getrennt sind, und Fragen, wie die Verbindung zustande kommt. Vielleicht sollten wir lernen, öfter auch einmal die umgekehrte Frage zu stellen.“

Und er fügt hinzu, dass sie seitdem in der Strukturaufstellungsarbeit auf der Suche nach einer tragfähigen Verknüpfung der Metapher der Trennung und der Metapher der Verbindung seien. D.h. nach dem „beidäugigen Sehen“ zu beiden, gemäß Viktor Frankls treffender Metapher des beidäugigen Sehens als Muster der Paradoxienlösung (für die sich widersprechenden Bilder des rechten und des linken Auges nämlich).

Es folgen einige Stichworte zur Quantentheorie, welche nahelegen, dass hier ein Kandidat für den genannten offenen Erklärungsbedarf sich findet, welchen genauer mit den Aufstellungscharakteristika und -phänomenen in Kontakt zu bringen, sich lohnen könnte.

  • die Quantentheorie ist gekennzeichnet durch eine sehr besondere Logik von Ganzem und Teilen sowie dem spezifischen Verhältnis von einer Physik der Beziehungen (sie selber) zu einer Physik der einzelnen Objekte (die klassische Physik)
  • sie läuft essentiell über Ganzheitenbildungen, welche nicht nach klassisch-reduktionistischer Atomvorstellung aus Teilen „bestehen“ und auf solche elementare Bausteine „niedergebrochen“ werden können, vielmehr Teile erst zeitigen oder erzeugen, wenn die Ganzheit unterbrochen, in sie eingegriffen, d.h. wenn sie gemessen wird, im sog. „Messvorgang“ – weist also eine in diesem Sinne „holistische“ Grundstruktur auf. Es sind also ausgedehnte Ganzheiten, welche „teilelos“ sind, wenn auch in Teile zerlegbar (eine von mehreren Paradoxien).
  • es liegt nahe, den grundlegenden Beziehungs- wie den Ganzheitencharakter mit „systemisch“ in Zusammenhang zu bringen (vielleicht ein Nonplusultra von „systemischer“ hier gegeben ?)
  • Quantentheoretische Beziehungen sind mehrdeutig – und sie verweisen auf Möglichkeiten. Ebenso stellen die ausgedehnten Ganzheiten Komplexe von Möglichkeiten vor. Diese werden erst durch den Eingriff des Messvorgangs zu „Fakten“. Mit dem damit verbundenen irreversiblen Informationsverlust. Wenngleich andererseits (ein weiteres Paradox) der ungeteilte, quasi „unberührte“ Möglichkeitenkomplex (die noch nicht zusammengebrochene „Schrödingersche Wellengleichung“) mit einem „Mehrwissen“ verbunden ist, welches der „Möglichkeitenfülle“ entspricht, indem jede Möglichkeit die nächste, das auch-anders-und-weiter-Mögliche, nach sich zieht, und welches ebenso konkrete Auswirkungen auf das physikalische Versuchsgeschehen hat wie der genannte Informationsverlust.
  • Kann der eine und ganze Möglichkeitenkosmos „unberührbar“ genannte werden, so muss er, um endlichen menschlichen Erkenntnissubjekten – die jedoch nicht weniger ihm zugehörig zu denken sind (weitere Paradoxie) – zugänglich zu werden, in „Fakten“ überführt werden, was notwenige Zerlegungs- und Trennungsvorgänge mit sich bringt.

Wir stehen vor zwei Grundparadigmen: dem der quantischen Ganzheiten – Möglichkeiten – und Beziehungen-Beschreibung und dem anderen der klassisch-physikalischen Objekteigenschaften-, Teilstrukturen-, Fakten-Beschreibung.

Beide Paradigmen sind jeweils für einander unerlässlich; Trennungs- und Verbindungsprozeduren bzw. -phänomene beide essentiell. Das Modell der „dynamischen Schichtenstruktur“ stellt ihre komplexe wechselseitige Abhängigkeit dar. (Sie wäre also ein quanten-physikalisches Dispositiv, das die Metaphorik des beidäugigen Sehens konzeptuell-begrifflich-physikalisch fasst.)

  • quantentheoretische Grundkonzepte nicht ganz so allgemeiner und abstrakter Art, sondern mittlerer Reichweite, und insofern etwas näher am konkreten Aufstellungsgeschehen, sind „Verschränkung“ und „Nichtlokalität“. Aufstellungs- speziell RW-Effekte müssten sich als psycho-körperlich-mentale Prozesse im Modellsystem wie im modellierten System in gegenseitiger „Verschränkung“ befindlich erweisen, um einer nicht-mystifizierenden Erklärung teilhaftig zu werden. Und ebenso müssten die genannten räumlich wie zeitlich getrennten Bereiche Modell bzw. Modelliertes als in einem Modus der Verbindung „nichtlokaler“ Art darstellbar sein.
  • Verschränkung und Nichtlokalität sind Erscheinungsweisen der oben genannten sehr besonderen, eigenwilligen Prozesse der Bildung und des Verhältnisses von Ganzheiten und Teilen. Mögliche Teile „teileloser“ Ganzheiten nennt man, hat man ihren Möglichkeits-, noch nicht zum Faktum gewordenen Status im Auge, „verschränkt“. Diese Verschränkungen können sich über größere Entfernungen erstrecken, wie z.B. bei den sog. „Di-Photon“-Experimenten im Gefolge des Einstein-Rosen-Podolsky Gedankenexperiments, und sie erfahren heute bereits technische Realisierungen. Der Ausdruck „Verschränkung“, der von Schrödinger stammt, führt aber in die Irre, da er aus der Holzverarbeitung stammt, wo die Teile, auch als zusammengekleisterte, immer noch als (mindestens) zwei erkennbar bzw. erhalten bleiben. Erst wenn das nicht mehr der Fall ist und die Teile reine Potentialitäten des „Ganzen“ sind, welche aber nichtsdestoweniger durch/nach Faktenzerlegung in Erscheinung treten, hat man ein zutreffend(er)es Bild gewonnen. Kern dabei sind: das „teilelose“ Ganze, das vor seiner Zerlegung noch keine Teile besitzt, aber dennoch teilbar/zerlegbar ist bzw. (nach Bohr) das entsprechend teilelose Atom, dessen Teile erst im Prozess seiner Zerlegung wahrnehmbar werden. Dieses Atom hat in seinen Elektronen keine faktisch lokalisierten Objekte, vielmehr ’sind‘ die Elektronen zugleich an einer Fülle möglicher Orte und faktisch an keinem. Und Nichtlokalität funktioniert mutatis mutandis.
  • Aufstellungen können, noch eine Stufe konkreter, als Versuchsanordnungen betrachtet werden, in denen durch spezielle „Messvorgänge“ (Interventionen als Fragen ans System etc.) Fakten aus einem Möglichkeitenkontinuum erzeugt werden, welches seinerseits vice versa dennoch für den ganzen Prozess essentiell bleibt.
  • Um schließlich auf Insa Sparrers Bemerkung und Vargas anschließende Erwägungen zurückzukommen: „Wenn wir die Quantentheorie gedanklich in aller Strenge nachvollziehen, so gibt es gar keine einzelnen Objekte und alles ist lediglich ein einziger Quantenzustand. Und da die Quantentheorie keine Gültigkeitsgrenzen bisher aufzeigt, also im ganzen Kosmos gilt, wäre demnach nichts getrennt und mit allem anderen verbunden. Damit wäre letztlich die ganze Welt das einzig mögliche Objekt einer universellen und ohne Einschränkung gültigen Quantentheorie.“ (Görnitz, Evolution 89, in Absprache mit dem Autor korrigiert).

„Die moderne Naturwissenschaft lässt erkennen, dass eine hinreichend gute Modellierung der Wirklichkeit nicht mit einer einzigen mathematischen Struktur erfolgen kann. Von der klassischen Physik wird die Zerlegung der Realität in getrennte Objekte geliefert, die durch Kräfte aufeinander einwirken. Die Quantentheorie ermöglicht ihrerseits die Modellierung der Tatsache, dass eine Ganzheit oftmals mehr umfasst als lediglich die Summe ihrer Teile. Beide Modellierungen sind jeweils eine notwendige Voraussetzung für eine sinnvolle Anwendung der anderen…Sie gehen durch wohlverstandene Grenzübergänge ineinander über.“ (Görnitz, Bewusstsein 5f).

Literatur

  • Aufstellungsarbeit revisited… nach Hellinger? Hrg. v. Gunthard Weber, Gunther Schmidt, Fritz B. Simon; mit einem Metakommentar von Matthias Varga von Kibéd. Carl-Auer, Heidelberg 2005
  • Görnitz, Thomas: Quanten sind anders. Die verborgene Einheit der Welt. Mit einem Vorwort von C.F.v.Weizsäcker. Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg, Berlin 1999.
  • Görnitz, Thomas/Görnitz, Brigitte: Der kreative Kosmos. Geist und Materie aus Information. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin 2002—-erweiterte Neuausgabe 2006
  • Görnitz, Thomas/Görnitz, Brigitte: Die Evolution des Geistigen. Quantenphysik – Bewußtsein – Religion. Vandenhoek & Rupprecht 2009
  • Görnitz, Thomas: „Bewusstsein – naturwissenschaftlich betrachtet und enträtselt“. In: Ich denke, also bin ich? Hg. v. Tobias Müller/Thomas M. Schmidt. Vandenhoek & Rupprecht 2011———im Netz auch auf Th.Görnitz persönlicher Homepage.
  • Gisin, Nicolas: Der unbegreifliche Zufall. Nichtlokalität, Teleportation und weitere Seltsamkeiten der Quantenphysik. Springer-Spektrum, Heidelberg, Berlin 2014.
  • Bell, J.S.: Speakable and Unspeakable in Quantum Mechanics.With An Introduction by Alan Aspect: „John Bell and the second quantum revolution.“ Cambridge University Press, 3rd printing 2010.

Einen detaillierten Niederschlag dieser Diskussionen findet man in dem Text „Quantenmechanischer Messprozess und Strukturaufstellungen“, zu finden auf der Homepage der Zeitschrift „Praxis der Systemaufstellung“ als auch hier. Für Teile der laufenden Diskussion eines Work in Progress seit einigen Jahren, welches auch andere Theorieansätze umfasste, siehe diesen Blog.

Thomas Hölscher

Mit Thomas Görnitz beschäftigen wir uns ja schon eine Weile, weil seine Sicht auf Information = Energie = Materie und auf die Quantenphysik als ein Physik der Beziehungen, einen ganz anderen Zugang zu Aufstellungs-Phänomenen zu ermöglichen scheint. Im Netz haben wir interessante Vortragsfolien von ihm gefunden, von einer Tagung der Evangelischen Akademie Villigst am 30.11. bis 02.12.2012 zum Thema „Auf der Suche nach der universellen Sprache des Lebens“: http://www.kircheundgesellschaft.de/fileadmin/Dateien/Fachbereich_I/Dokumente/Tagungsdokumentationen/Auf_der_Suche_nach_der_universalen_Sprache_des_Lebens/2012_Villigst_Die_Evolution_des_Geistigen_Goernitz_gezeigt.pdf. die Lektüre seiner Folien lohnt sich.

Verfasst von: philgrundsyst | 20. Juli 2015

Repräsentierende Wahrnehmung

Matthias Varga definiert die repräsentierende Wahrnehmung als „die Gesamtheit der spontanen Empfindungsänderungen von Mitgliedern eines Modellsystems mit Abbildungscharakter.“ Bei dem »Modellsystem« handelt es sich hierbei um eine systemische Strukturaufstellung (SySt) und unter den »Mitgliedern« werden die Teilnehmer, die Repräsentanten, einer solchen Aufstellung verstanden. Von diesen Änderungen körperlicher Empfindungen und nur von ihnen lassen sich Hinweise auf die repräsentierenden Objekte ableiten. Diese Änderungen der körperlichen Wahrnehmungen sind also diejenigen Informationen, mit denen der Gastgeber einer Aufstellung arbeitet.

Die Betonung liegt hier auf dem Wort Änderung; denn der Repräsentant nimmt „lediglich Unterschiede zu seinen vorigen Empfindungen“ wahr und teilt diese dem Gastgeber mit, er ist also nicht Träger fremder Gefühle. Die im Verlauf einer Aufstellung sich ergebenden Bilder sind folglich auch keine Abbilder einer objektiven Wirklichkeit des Klienten sondern »nur« Möglichkeiten des Modellsystems. Da manchmal die aufgestellten Themen den Repräsentanten auch an eigene Erfahrungen und Empfindungen erinnern, können auch »Resonanzphänomene« die Wahrnehmung beeinträchtigen. Deshalb von »der« Wirklichkeit zu sprechen, die eine SySt repräsentiert, wäre demnach ein schwerer therapeutischer Fehler und könnte zu ernsthaften Komplikationen beim Klienten führen. Vielmehr erlaubt die Aufstellung die Durchführung von Probehandlungen; mit ihrer Hilfe lassen sich Veränderungsprozesse des Klienten simulieren, ohne dass dieser „das Risiko der damit verbundenen Konsequenzen tragen muss“.

Wieso fremde Personen in einer Aufstellung überhaupt – teilweise sogar sehr starke – körperliche Empfindungen spüren, ist ungeklärt; Ziel dieses Blogs ist es ja gerade, Erklärungsmodelle dafür vorzustellen und ihre Passgenauigkeit zu diskutieren. Varga gibt z. B. den folgenden Erklärungsversuch für repräsentierende Wahrnehmung: Er versteht sie als „Gruppenphänomen, das nur durch die Resonanz der repräsentierenden Empfindungen der einzelnen Repräsentanten zusammen mit der Bedeutungsgebung der Klienten entsteht.“ Was hier der Resonanzkörper sein soll, bleibt allerdings unbestimmt. Seine Frau, Insa Sparrer, hält dem mit folgenden denkwürdigen Worten entgegen:

„Vielleicht haben wir einfach die Frage falsch gestellt? Wir gehen immer davon aus, dass wir voneinander getrennt sind und diese Verbindung erst herstellen müssen. Es könnte doch sein, dass wir an sich miteinander verbunden sind und es eher darum geht, diese Verbindung nicht zu stören, sondern sie zu fördern, indem wir gute Bedingungen dafür schaffen, dass sie ungestört wirken kann.“

Dieses »Miteinander-verbunden-sein« und zwar hier zwischen Repräsentanten und dem Klienten einer SySt erlaubt, eine Parallele zu ziehen mit dem, was in der Quantentheorie als »Di-Teilchen«, also Di-Photon oder Di-Electron etc. bezeichnet wird. Die Untersuchung des Zerfalls von Di-Photonen hat beispielsweise zum Nachweis des berühmten Higgs-Bosons geführt; Di-Photonen spielen auch eine Rolle beim Versuch, der Dunklen Materie auf die Schliche zu kommen. Ein Di-Photon ist – laut Görnitz – ein Photon, das „man in zwei Teilchen zerlegen kann“. Dabei kann man nicht – und jetzt wird die Sache haarig – nicht von zwei Photonen reden sondern man muss dieses Ensemble als Ganzes betrachten, nur in einer Messung treten zwei Photonen zutage, wobei sie ihre Eigenständigkeit in diesem Messprozess verlieren. Eigenständigkeit beim Photon bedeutet etwa die Polarität, seine Schwingungsrichtung. Mit der Quantentheorie lassen sich also Objekte beschreiben, die im Prinzip eine unbegrenzte Ausdehnung oder Wirkung haben, die sich aber nicht teilen lassen; Quantenobjekte können sich also durchdringen, obwohl sie voneinander getrennt sind. Die klassische Vorstellung der Trennung und Verbindung von Objekten verliert hier ihre Gültigkeit.

Spätestens an dieser Stelle wird man die Verbindung zu Insa Sparrers Aussage ziehen und sich die Frage stellen, ob Repräsentant und Klient in einer Aufstellung nicht ihre gewohnte Trennung aufheben. Bei einigen Menschen, Zwillingen, Liebenden etc. hat diese Trennung vielleicht nie stattgefunden, weshalb sie sich »blind« verstehen, so als seien sie synchronisiert. Das Medium, über das eine solche »Synchronisierung« oder Resonanz ablaufen könnte, wären dann etwa Di-Photonen. Bei der Trennung, die hier aufgehoben zu werden scheint, werden Quantenzustände erzeugt, die das Bewusstsein des Klienten mit demjenigen des Repräsentanten „verbinden“ könnten, wobei der Begriff »Bewusstsein« in diesem Zusammenhang sicher erklärungsbedürftig ist. Ich denke, dass es sich hier eher um eine Verbindung des Unbewussten der Personen handeln könnte und zwar in dem Sinne, wie die Übertragung und Gegenübertragung zwischen Analysand und Analytiker zu verstehen ist. Görnitz spekuliert sogar über »nicht lokalisierte« Informationen, die weder Teilchen- noch Feldeigenschaften haben, die in unser (Un-)Bewusstsein dringen. Diese Informationen wären dann quasi Eigenschaften der Raumzeit.

Literaturverzeichnis

Die oberen Überlegungen sind Teil eine Reihe, die sich mit Erklärungsversuchen zur Repräsentierenden Wahrnehmung befassen. Die weiteren sind „Aktive Imagination als Aufstellung“ (https://philgrundsyst.wordpress.com/2015/04/26/aufstellungen-als-aktive-imaginationen/) und „Quantentheoretischen Phänomene und Aufstellungsarbeit“ (https://philgrundsyst.wordpress.com/2015/03/27/quantentheoretische-phanomene-und-aufstellungsarbeit/). Ein weiterer Abschnitt, der die Unterschiede zwischen dem psychoanalytischen und systemischen Ansätzen hervorhebt wird noch folgen. Diese vier Abschnitte werden dann zu einem eigenständigen Papier zusammengefügt.

Bernhard v. Guretzky

Verfasst von: philgrundsyst | 26. April 2015

Aufstellungen als Aktive Imaginationen

Der Mensch bedarf der Schwierigkeiten,

sie gehören zu seiner Gesundheit.

Es ist bloß ihr ungebührliches Maß,

das einem überflüssig erscheinen will.

C. G. Jung

Einführung

In diesem Beitrag soll der Begriff der systemischen Strukturaufstellung weiter gefasst werden, d.h. es sollen Überschneidungen und methodische Ähnlichkeiten zu anderen therapeutischen Konzepten und Methoden hergestellt werden. Sinn dieser Übung ist es, einen anderen Blick sowohl auf Aufstellungen aber auch auf die anderen beteiligten Methoden zu erhalten. Der Vergleich psychischer Begriffskategorien macht diese deutlicher, klarer, bietet er doch andere Blickwinkel. Dies hilft dem theoretischen Verständnis, erlaubt es doch – zumindest ist das die Hoffnung – einen methodischen Austausch. Als vornehmlicher Kandidat wird hier eine von Jung eingeführte und gern benutzte Methode – die »aktive Imagination« – beschrieben. Sie hat innerhalb der Analytischen Psychologie noch einen Ableger, das Sandspiel. So lässt sich das Sandspiel sicher als eine Form von Strukturaufstellung sehen, so wie umgekehrt die Aufstellung als eine Form aktiver Imagination betrachtet werden kann, die das Wirken dominanter Archetypen sichtbar macht.

Diese Einsicht geht auf die Beobachtungen von gut 150 Aufstellungen zurück, wo sich gezeigt hat, dass in den überwiegenden Fällen immer wieder dominante Archetypen in sich wandelnder Art und Weise aufgestellt werden. Letztendlich handelt es sich also um das Aufstellen von Komplexen; dies ist selbstverständlich eine rein psychologische Sichtweise und liefert noch keine Hinweise auf andere wissenschaftliche – physikalische oder neurologische – Erklärungen. Allerdings erweitert sich mit dieser Psychologischen Sichtweise das Erklärungspotenzial zu den Wirkmechanismen von Aufstellungen, denn wenn es nicht-psychologische Hinweise auf die Existenz von Archetypen gäbe, würden diese damit auch für Aufstellungen gelten. Dies ist der tiefere Sinn der folgenden Überlegungen.

Die Transzendente Funktion

Um Kontakt mit dem Unbewussten aufnehmen zu können, bedarf es des Bewusstseins. Bewusstsein und Unbewusstes müssen in eine Form des Dialogs treten, wenn eine Veränderung stattfinden soll. Das Unbewusste ist das Transzendente und die Verbindung dazu lässt einen, frei nach Nietzsche, das eigene Schicksal lieben und gestalten, statt von Neurosen durchs Leben getrieben zu werden. Jung hat diejenige psychologische Funktion, die „aus der Vereinigung bewusster und unbewusster Inhalte“ hervorgeht und „die sich ihrer Art nach mit einer mathematischen Funktion gleichen Namens vergleichen lässt und eine Funktion imaginärer und reeller Zahlen ist“, als »transzendente Funktion« bezeichnet. (Jung, 1958, §131) Die Psyche, sagt Jung, verfügt über diese Funktion, aus der Spannung zwischen Bewusstsein und Unbewussten heraus eine dritte Position zu erreichen, die die Essenz der beiden Positionen beinhaltet (Ulanov, 1997, S.310) oder um es mit Jungs Worten auszudrücken: „Die Trennung zwischen Bewusstsein und Unbewusstem wird nicht dadurch aufgehoben, dass die Inhalte einseitig durch bewusste Entscheidung verurteilt werden, sondern vielmehr dadurch, dass ihr Sinn für die Kompensation der Einseitigkeit des Bewusstseins erkannt und in Rechnung gestellt wird. Die Tendenz des Unbewussten und die des Bewusstseins sind nämlich jene zwei Faktoren, welche die transzendente Funktion zusammensetzen.“ (Jung, 1958, §145)

Die transzendente Funktion verbindet Bewusstes mit Unbewusstem. Dies geschieht durch »aktive« Phantasien oder Vorstellungen – Imaginationen. Der Begriff »transzendente Funktion« bezeichnet also die Funktion, während man unter »aktiver Imagination« die Methode dieses Prozesses bezeichnet. Jung benutzte diesen Begriff das erste Mal in dem gleichnamigen Aufsatz aus dem Jahr 1916, der erst 1958 leicht überarbeitet veröffentlicht wurde. Das Jahr 1916 ist insofern von Bedeutung, weil in diese Zeit – im Zuge der Trennung von Freud – die intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Unbewussten fiel, die sich im Roten Buch niederschlug. Neben dem Assoziationstest zur Bestimmung von Komplexen ist die transzendente Funktion Jungs zweite Methode, auf die er seine analytische Arbeit zur Bearbeitung von Komplexen stellt. Er forderte seine Patienten auf, sich mit Hilfe der transzendenten Funktion Zugang zu ihrem Unbewussten zu verschaffen und sich so auf einen Prozess der Selbsterfahrung einzulassen. Seine eigenen Erfahrungen zu dieser Zeit bekamen damit einen „paradigmatischen Charakter“ (Shamdasini, 2012, S.39).

Aktive Imagination

»Aktive Imagination« ist diejenige Technik oder Methode, die den Dialog zwischen Bewusstsein und Unbewusstem ermöglicht; aktiv, weil das Ich die Imagination steuert und damit kontrollierend und verändernd in den Strom der Bilder eingreift, im Gegensatz zu einer passiven Imagination oder Phantasie, in der das Ich diesen Strom lediglich passiv verfolgt (Kast, 1998, S.190). Es geht also nicht um ein planloses ins Blaue phantasieren, sondern um eine „aktive Hervorrufung von inneren Bildern“ (Jacobi, 1959, S.218). Für Hillman gilt sogar im Bereich der Therapie das Primat der Fantasie über das der (psychoanalytischen) Konzepte (Hillman, 2013, S.7), deshalb hat die aktive Imagination mit ihrer bisweilen dramatischen oder auch poetischen Ausdrucksweise für ihn einen höheren therapeutischen Wert als „zweitrangige Abstraktionen“ (ebd., S.9).

Jeder kreative – und allemal jeder künstlerische – Prozess basiert auf einem Austausch zwischen Bewusstsein und Unbewusstem. Bei einer solchen „kreativen Imagination“ geht es um das Hervorbringen kultureller Formen oder Artefakte aus Religion, Kunst oder Wissenschaft, wo hingegen es bei der aktiven Imagination um den Bezug zur eigenen Persönlichkeit geht. Beide Formen unterscheiden sich in ihrem Telos (Chodorow, 2006, S.216), wobei im letzteren Fall kein vorgegebenes Ziel verfolgt wird, sondern es darum geht zu schauen und das Bewusstsein offen für das zu halten, was sich zeigen will. Es geht nicht in erster Linie darum, intellektuell Zusammenhänge neu zu entdecken, sondern vielmehr darum, die Gefühle und Empfindungen, die sich bei diesen Bildern und Phantasien einstellen, wahrzunehmen. Das Wesentliche ist das Erleben und nicht das Deuten; das Erleben macht das Unbewusste erfahrbar.

»Aktiv« auch deshalb, weil nur durch eine Schwächung des Bewusstseins dessen Einfluss auf das Unbewusste eingeschränkt wird. Dieser Schwächung des Bewusstseins entspricht Pierre Janet’s Begriff des »abaissement du niveau mental«, mit dem die Kontrolle des Bewusstseins über das, was das Unbewusste hervorbringt, „abgesenkt“ werden soll. Diese Absenkung der Bewusstseinsschwelle hat zum Ziel, mit Hilfe von Sehnsüchten, Bildern, Symbolen, Gefühlen, körperlichen Empfindungen etc. dem Bewusstsein Zugang zur den „unergründlichen Tiefen des Unbewussten“ (Ashton, 2007, S.239) zu erschließen. Diese verringerte energetische Spannung erlaubt logische Diskontinuität, Fragmentarische, Analogiebildungen, Assoziationen sprachlicher, klanglicher und bildlicher Natur (Jung, 1958, §152). Das »Aktive« der Imagination erhöht die energetische Spannung und schafft Ordnung, Sinnzusammenhang und Wertigkeit, sprich Bewusstsein. „Beschreibt ein Traum eine Momentaufnahme einer bestimmten Situation, so ist die aktive Imagination eine Videosequenz, die das ‚Davor‘ und ‚Danach‘ verbindet“ (Ashton, 2007, S.240). Nimmt das Bewusstsein aktiv Teil an einer Phantasie und wird diese erlebt und ansatzweise verstanden, so kann man sich von einem Bild zum nächsten hangeln, so entsteht eine Bilderfolge – eben eine solche Videosequenz, die darüber hinaus noch eine Zielrichtung hat. Man kann also eine ganze Variation möglicher Szenarien einer Situation in der Imagination „durchspielen“, die einzelnen Szenarien auf ihre „Verträglichkeit“ mit der eigenen Empfindungswelt testen und dabei eine mittlere Position „zwischen Bewusstsein und Unbewusstem, eine Eigenschaft angenäherter Gegensätze“ (Jaffé, 1978, S.86) bzw. die richtige Balance zwischen Regression und Progression finden. Sie ist ein Hilfsmittel, „mit seinem Wesen zu experimentieren“, sie verhilft „zu schöpferischer Unabhängigkeit, zu seelischer Reife“ (Ammann, 1978, S.17) und gestattet uns, über Sehnsuchtsbilder letztendlich auch eine selbstgestaltete Zukunft (Kast, 1998, S.67). In der aktiven Imagination – wie im Traum – „wird vieles möglich, was wir nicht für möglich halten“, weil die Begrenzung durch die Zeit aufgehoben wird. Es ist der Raum, der in die „Gegenwart hereingeholten Zukunft“ (ebd. 239). Die Imagination wird so zu einer Ressource, mit der Möglichkeiten und Perspektiven erlebbar werden.

Dem Unbewussten wird damit durch Externalisierung die Chance gegeben, das Bewusstsein zu analysieren und zu verändern. Eben diese Externalisierung unbewusster Inhalte zusammen mit der Gestaltung auf der subjektiven Ebene entspricht der »Rücknahme eigener Projektionen«. Die Methode der aktiven Imagination wird so zum probaten Mittel, Schatten und inferiore Funktion bewusster zu machen, weil sie sich in Phantasien und Bildern ausdrücken können; sie erlaubt es dem Bewusstsein, mit dem Unbewussten tatsächlich zu arbeiten, ohne sie ist die Entwicklung des Selbst, das was Jung als Individuation bezeichnet hat, kaum möglich. Und dort, wo ein innerer Begleiter als Gefährte auftaucht, wird der Imaginierende selbstständiger und kann Probleme mehr und mehr in eigener Regie angehen; der Analytiker wird internalisiert und verliert im Außen seine Bedeutung (Kast, 1998, S104).

Aktive Imagination ist der Meditation, dem Gebet und dem gerichteten Traum nicht unähnlich. Wie bei der Meditation geht es darum, einen inneren Dialog zu führen, jedoch im Gegensatz zur Meditation, diesen Dialog nicht abzubrechen, sowie er bewusst wird, sondern weiter zu verfolgen; das Ego bleibt also aktiv und soll eben nicht ruhig gestellt werden (Ashton, 2007, S.186). Auch beim Gebet geht es um die Verbindung zum Unbewussten und dass sich das Selbst bzw. das innere Bild Gottes einem offenbart bzw. bewusst wird und man mit diesem in einen Dialog treten kann (Edinger, 1996, S.97). Und dann natürlich die Träume, die sich nicht nur bewusst lenken, sondern auch bewusst hervorrufen lassen, wie vor Freud und erst recht vor Jung die beiden französischen Traumforscher Léon d’Hervey de Saint-Denys und Louis Alfred Maury beschrieben haben (Ellenberger, 1973, S.423).

Im therapeutischen Kontext erhält die aktive Imagination noch einen hermeneutischen Aspekt. Denn die Bilder und Symbole, die sich zeigen, sind, wenn sie wörtlich, „konkretistisch“ verstanden werden, wertlos. Sie sind hermeneutisch zu interpretieren (Jung, 1916, §491): Während der Analysand den Bildern und Symbolen, die sich ihm zeigen, eine eigene Bedeutung, eine ganz persönliche Lesart zuweist, wird der Analytiker diesen Rahmen von einem archetypischen Standpunkt aus erweitern und objektivieren. „Durch dieses Prozedere wird das Ausgangssymbol erweitert und bereichert, und es entsteht ein höchst komplexes und vielseitiges Gemälde“ (ebd. §493). Und weiter führt Jung aus: „So gibt uns die Phantasie das, was im Werden begriffen ist, in Gestalt einer mehr oder weniger treffenden Analogie. [Das Symbol] entspricht aber seinem Wert und Sinn, wenn wir ihm eine hermeneutische Bedeutung angedeihen lassen“ (ebd., §492).

Zur Technik der Aktiven Imagination

Um dem Unbewussten in Form von Bildern, Worten, Gedanken, Tönen oder Melodien etc. Zugang zum Bewusstsein zu ermöglichen, muss zu Beginn der aktiven Imagination die kontrollierende und „kritische Aufmerksamkeit“ (Jung, 1958, §170) abgeschaltet werden. Dieses »Abschalten« der kritischen Aufmerksamkeit, ob das überhaupt in seiner Ganzheit geht, sei einmal dahingestellt, ist auf jeden Fall kein einfacher Prozess und erfordert einige Übung, geht es doch darum, dem Ego die Kontrolle zu entziehen bzw. „ein ‚Loch‘ im Bewusstsein zu produzieren“ (Shamdasani, 2012, S.53). Dabei konzentriert man sich auf eine bestimmte Stimmung, hypnagogische Bilder (Maury), Traumbilder, visuelle oder auditive Eindrücke oder innere Dialoge, das was als Selbstgespräche bezeichnet werden, um mit den damit assoziierten Phantasien und Empfindungen eine Verbindung zu erhalten. Diese emotional aufgeladenen inneren Erlebnisse – Affekte – sollen sich frei entfalten können, ohne sie regulieren zu wollen. Das können auch Affekte sein, die einen stören und man lieber vermeidet, mit denen man aber umzugehen lernen will. Denn gerade im Affekt gibt man Wahrheiten preis, die man sonst lieber nicht kundtun würde. Davon abgesehen verlieren Emotionen, die hinter den Affekten stecken, ihre Kraft, wenn man ihnen mit Bewusstsein begegnet; und erst dann kann man sie verändern. „Der Phantasie“, sagt Jung, „muss freiester Spielraum gelassen werden, jedoch nicht so, dass sie den Umkreis ihres Objektes, nämlich des Affektes, verlässt, indem sie sozusagen vom Hundertsten ins Tausendste fortschreitend weiter assoziiert.“ (Jung, 1958, §167)

Es geht nicht darum, einen analysierenden Standpunkt einzunehmen, sondern sich vielmehr einer selbstreflektierenden, psychologischen Sichtweise zu bedienen. Ziel ist es, dass sich die Affekte in Symbolen zeigen. Der entscheidende Schritt besteht nun darin, in einen Dialog mit den auftauchenden Symbolen oder Figuren einzutreten. Nur diese Symbole oder Figuren, die durch besagtes Loch im Bewusstsein aus dem Unbewussten emporsteigen sind dem Bewusstsein zugänglich. Sie können zu einer Veränderung des Affektes oder der Stimmung führen, wenn diesen Phantasiesymbolen Neues – „noch nicht Gewusstes“ (Kast, 1998, S.42) beigefügt wird und damit deren „Energielage“ verändert wird.

Verena Kast war es m.W., die die Methode der aktiven Imagination stärker in den therapeutischen Kontext eingebunden hat: Sie schlug sog. »geführte Imaginationen« vor, bei denen der Analytiker ein Bild oder eine Szene vorgibt, um den Analysanden zu Symbolbildungen zu ermutigen, die nicht nur außerhalb seiner konkreten Lebensumstände liegen, sondern auch nicht mehr in der Nähe seiner üblichen Phantasien anzusiedeln sind (ebd. S.51). Der Nutzen hierbei liegt darin, dass der Analytiker aus den Erfahrungen, die er mit dem Analysanden gemacht hat, Bilder vorgeben kann, die jener lieber vermeiden wird. Die dabei wirkende psychische Energie – Libido – kann auf die Art gesteigert werden, und sehr viel eher zu affektgeladenen Bildern führen, mit denen in der Therapie dann weiter gearbeitet werden kann.

Zusammenfassend möchte ich Jung selbst noch einmal zu Wort kommen lassen, der in einem Brief über die Methode der aktiven Imagination schrieb: „Vermeiden Sie jeden Versuch, es in eine bestimmte Form zu bringen, tun Sie einfach nichts anderes als beobachten, welche Wandlungen spontan eintreten. Jedes seelische Bild, wird sich früher oder später umgestalten. Ungeduldiges Springen von einem Thema zum anderen ist sorgfältig zu vermeiden. Halten sie an dem einen von Ihnen gewählten Bild fest und warten Sie, bis es sich von selbst wandelt. All diese Wandlungen müssen Sie sorgsam beobachten, und sie müssen schließlich selbst in das Bild hineingehen: Kommt eine Figur, die spricht, dann sagen Sie, was Sie zu sagen haben, und hören auf das, was sie zu sagen hat. Auf diese Weise können sie nicht nur ihr Unbewusstes analysieren, sondern Sie geben dem Unbewussten die Chance, Sie zu analysieren.“ (zitiert nach Kast, 1998, S.188f)

Sandspiel

Schon in seinem Aufsatz über die Transzendente Funktion hat Jung von der Notwendigkeit gesprochen, Träume und Phantasiebilder darzustellen, um ihnen eine Realität zu geben, mit der weiter gearbeitet werden kann: „Es ist nicht in allen Fällen genügend, nur den gedanklichen Kontext eines Trauminhaltes sich klarzumachen. Oft drängt sich die Notwendigkeit auf, dass undeutliche Inhalte durch sichtbare Gestaltung verdeutlicht werden müssen. Dies kann geschehen durch Zeichnen, Malen und Modellieren.“ (Jung, 1958, §180) Damit hat er die Basis für das Sandspiel gelegt und dasselbe Argument lässt sich natürlich auch für die Nützlichkeit von Aufstellungen heranziehen.

Zu Beginn der 1980iger Jahre entwickelte die Schweizer Therapeutin Dora Kalff die sog. »Sandspieltherapie«. Da Jung jede Gestaltung eines aus dem Unbewussten auftauchenden Symbols als aktive Imagination bezeichnete, sei es nun eine bildhafte Darstellung oder in Form von Figuren, Tanz oder Musik, hatte er Kalff auf Grund seiner eigenen Erfahrungen mit der aktiven Imagination dazu ermuntert, diese Therapieform weiter zu entwickeln. Es ist – wie die aktive Imagination – eine Methode an die Inhalte des Unbewussten über die Modellierung innerer Bilder mit Hilfe von Sand, Wasser und Miniaturen heranzukommen. Diese physisch in Sand gestalteten Bilder sind Projektionen der inneren Befindlichkeit und können mit Hilfe des Therapeuten entziffert werden.

Der Sandkasten entspricht in seiner Ausdehnung dem Blickfeld. In diesem Raum durch freies, kreatives Spiel bekommt die Phantasie mit Hilfe von Sandspielfiguren und dem Arrangement im Sand eine Form und unbewusste Vorgänge werden in dieser dreidimensionalen Form sichtbar gemacht. Im Sandspiel zeigen sich die Komplexe am Anfang als »Rohlinge« und differenzieren sich dann in nachfolgenden Formen. Eine Serie von Sandbildern stellt eine fortlaufende Auseinandersetzung zwischen Bewusstsein und Unbewusstem dar. Meistens spiegelt das erste Bild eine Situation wieder, die noch näher an der Bewusstseinsebene liegt, aber doch schon Hinweise auf die Problematik enthält. Weitere Bilder führen in tiefere Schichten mit unbewussten Inhalten. In solch einer Serie lässt sich die Entwicklung dieser Auseinandersetzung mit den unbewussten Inhalten – die Ausdifferenzierung der Komplexe – dann nachvollziehen. Deshalb ist es sinnvoll, sich nicht zu vorschnellen Interpretationen hinreißen zu lassen, sondern der Wirkung als auch ihrer weiteren Entwicklung Raum und Zeit zu geben.

Der Prozess der Gestaltung der Sandspielformen kann sowohl für den Therapeuten als auch für den Analysanden zu einem emotional und körperlich empfundenen Erlebnis werden. Auf Seiten des Therapeuten ist dabei gerade auf ein abaissement du niveau mental zu achten, um einer Vermengung mentaler Zustände mit dem Analysanden entgegenzuwirken. Diese Ausprägung der Gegenübertragung während des Sandspiels ist leicht zu beobachten, weshalb Shamdasani etwa die Meinung vertritt, dass das Sandspiel auch wichtig für den Individuationsprozesses ist.

Aufstellungen und aktive Imaginationen

Das Familienstellen von Hellinger und seinen Schülern versucht eine „objektive“ Wirklichkeit des Klientensystems zu finden. Es ist der Gastgeber der Aufstellung, der deren Verlauf mit seiner Erfahrung und seiner Intuition ganz wesentlich bestimmt und er beruft sich dabei auf ein »wissendes Feld«, eine Begriffsbildung die auf Rupert Sheldrake zurückgeht. Solche Aufstellungen folgen sehr viel weniger den aktuellen Reaktionen der Repräsentanten als vielmehr denen des Gastgebers. Die systemischen Strukturaufstellungen nach Varga und seiner Schule konzentrieren sich dagegen auf Veränderungen von Körperempfindungen bei den Repräsentanten, das was im Jargon als »repräsentierende Wahrnehmung« bezeichnet wird, um ein passendes Schlussbild zu finden. Auch bei der Interpretation des Schlussbildes werden andere Wege gegangen. Während bei Hellinger et. al. das Schlussbild eine konkrete Situation des Klienten darstellt, deren Ignorierung die Familienstruktur des Klienten verletzt, so dass nach seiner Lehrmeinung ernsthafte negative Konsequenzen für ihn nicht auszuschließen sind, sind die sich im Verlauf einer Strukturaufstellung ergebenden Bilder eben keine Abbilder einer „objektiven“ Wirklichkeit des Klienten, sondern beschreiben Möglichkeiten des aufgestellten Modellsystems. Das Schlussbild der Aufstellung ist hier – wie der Verlauf der aktiven Imagination – als Ressource zu interpretieren, mit der Möglichkeiten und Perspektiven erlebbar werden. Aufstellungen à la Hellinger unterscheiden sich also fundamental von Strukturaufstellungen, für die das Wesentliche das Erleben und nicht das Deuten im Vordergrund steht. Mit einer von außen kommenden Deutung wird psychologisch selten etwas erreicht; das Unbewusste muss erfahrbar sein, damit dessen Wirkungen verstanden werden. Das ist genau auch das Grundprinzip der aktiven Imagination.

Aufstellung wie aktive Imagination erlauben dem Klienten Szenarien „durchzuspielen“, die dabei sich zeigenden Empfindungen und Konflikte projektiv zu testen, d.h. in Form von inneren Bildern oder nach außen hin auf ein mit Repräsentanten projiziertes System. Die Analogie zum Sandspiel drängt sich dabei auf. Auch hier werden innere Bilder im Außen modelliert also projiziert.

Eine weitere Form von Aufstellungen sind sogenannte »bewusstseinsinterne Aufstellungen«. Darunter wird das »Durchspielen« einer Situation mit all ihren relevanten Akteuren verstanden, wobei man versucht, sich an die Stelle dieser Akteure hineinzuversetzen, um ihre Reaktion zu testen. Aufgrund dieser „Simulation“ kann man sich seine eigene Reaktion oder Vorgehensweisen überlegen. Der – möglicherweise – entscheidende Unterschied von solch bewusstseinsinternen Aufstellungen zur aktiven Imagination, zum Sandspiel oder zur Aufstellung ist die fehlende Externalisierung der inneren Bilder, die in der Aufstellung und im Sandspiel ganz direkt sich vollzieht, während sie bei der aktiven Imagination indirekt durch die therapeutische Begleitung erfolgt. Diese unabhängige Bestätigung von außen, sei es durch den Therapeuten oder den Repräsentanten ist ein notwendiges Korrektiv, um nicht den eigenen Projektionen oder Wünschen zu verfallen. Wir können also sagen, dass diese „Externalisierung einen Quantensprung“ darstellt, eben weil sie nicht nur kontrollierbare Ergebnisse liefert, sondern vor allem durch die Internalisierung der Bilder den psychologischen Lernprozess beschleunigt und vertieft. Auf jeden Fall können bewusstseinsinterne Aufstellungen für „innere Sortierungen und Vorbereitungen im Äußeren“ dienen. Der Diskurs über den Nutzen und Wirksamkeit solcher Aufstellungen ist noch nicht entschieden.

Ob nun externalisiert oder bewusstseinsintern, in jedem Fall werden zu Beginn der Aufstellung vom Gastgeber die Repräsentanten im Zustand eines »abgesenkten Bewusstseins« platziert, so wie zu Beginn die Hände sich selbst überlassen werden, um eine »Ausgangsform« für das Sandspiel zu modellieren oder ein »Ausgangsbild« für die Imagination zu finden. In allen Fällen geschieht das »abaissement du niveau mental« indem man sich in eine Art von Trancezustand versetzt, „den Geist leert“ (Chodorow, 2006, S.233) und so die Möglichkeit schafft, Bilder und Gedanken im Geiste entstehen zu lassen, die Assoziationen, neue Gedankenverbindungen, aufzeigen helfen. Ein solch plötzlich ablaufender Prozess nimmt oft die Form einer Offenbarung an. Das so entstehende Bild bekommt dann Symbolcharakter und über die auftretenden Symbole erlangt der Klient/Analysand Zugang zu seinem Unbewussten. Alle drei Therapieformen sind Hilfsmittel, Unbewusstes sichtbar zu machen. Erst wenn man selber in die Phantasie, sei es die im Sandspiel, in der Aufstellung oder in der aktiven Imagination, eintritt und mit den Figuren einen Dialog führt, ihnen Rede und Antwort steht, kann Unbewusstes ins Bewusstsein integriert werden. „Was einem in der Phantasie geschieht, muss einem selbst geschehen“ (Ammann, 1978, S.104), indem man Zeuge seiner eigenen inneren Prozesse wird. Dies ist Voraussetzung für die Internalisierung der ins Außen projizierten Bilder des Unbewussten.

Literaturverzeichnis

  • Amman, A. N. (1978): Aktive Imagination; Walter Verlag, Olten.
  • Ashton, P.W. (2007): „From the Brink – Experiences of the Void from a Depth Psychology Perspective„; Karnac
  • Chodorow, J. (2006): Active Imagination; aus: R. P. Papadopoulos: The Handbook of Jungian Psychology; Routledge, London.
  • Dourley, J. P. (2010): „On Behalf of the Mystical Fool„; Routledge, London.
  • Edinger, E. (1996): „The New God-Image„; Chriron Publications, Wilmette.
  • Ellenberger, H. (1973): „Die Entdeckung des Unbewussten“ (Band 1); Hans Huber Verlag, Bern.
  • Hillman, J.; Shamdasani, S. (2013): „Lament of the Dead – Psychology after Jung’s Red Book„; W. W. Norton, New York.
  • Jacobi, J. (1959): „Die Psychologie von C.G. Jung„, Rascher Verlag, Zürich.
  • Jaffé, A. (1978): „Der Mythus vom Sinn im Werk von C.G. Jung„; Walter Verlag, Olten.
  • Jung, C.G. (1916/1995): Die Struktur des Unbewussten; GW 7, Walter Verlag, Düsseldorf.
  • Jung, C.G. (1916/1958): Die Transzendente Funktion; in: GW8, Walter Verlag, Zürich.
  • Kast, V. (1998): „Imagination als Raum der Freiheit„; Walter Verlag, Olten.
  • Shamdasani, S. (Hrsg.) (2012): „The Red Book – A Reader’s Edition„: Norton&Co., New York.
  • Ulanov, A. (1997): „Jung and Religion: The opposing Self“, in: „The Cambridge Companion to Jung“, Cambridge University Press

Bernhard v. Guretzky

Eine pdf-Datei des obigen Textes kann hier heruntergeladen werden.

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