Die Quantentheorie liefert möglicherweise einige interessante Zugänge zum Verständnis und zu einer anderen Interpretation von Systemischen Strukturaufstellungen (SySt) – so unsere Vermutung. Insbesondere die „Protyposis“ von Thomas Görnitz scheint einige Hinweise darauf bereitzuhalten.
Um Thomas Görnitz und die Protyposis ein wenig besser zu verstehen, habe ich gerade das Buch von ihm „Quanten sind anders“ (1. Auflage 2006, Spektrum akademischer Verlag) gelesen. Recht gut lesbar und mit etlichen spannenden Gedanken erscheint mir das o.g. Buch von Thomas Görnitz sehr empfehlenswert.
Beim Lesen dieses Buches habe ich bemerkt, dass er mich – ganz ähnlich wie damals Friedrich Cramer – sehr anspricht mit ungewöhnlichen aber nachvollziehbaren Überlegungen zum Verstehen dieser Welt aus Sicht der über die klassische physikalische Sichtweise hinausgehenden übergeordneten Quantentheorie.
Was ich aus dem Buch hauptsächlich mitnehme, ist seine Erklärung der Quantentheorie als eine Ganzheit, die aber die klassische Physik als Erklärung braucht. Auf S. 191 beschreibt er die Quantentheorie als Revolution: „Vielleicht ist die englische Revolution hier ein zutreffenderes historisches Analogon. ….. aber nach ihr war die Monarchie noch immer vorhanden – allerdings in einer neuen Rolle, und in dieser konnte sie immerhin im Wesentlichen bis heute beibehalten werden.“ Gemeint ist die veränderte Rolle der klassischen Physik. Eins „sowohl – als auch“, wie wir das ja aus Aufstellungen gut kennen.
Das erklärt er auch auf folgende Weise: (S. 190): „Die Quantentheorie ist als holistische Theorie vorgestellt worden. Über ein Ganzes kann man nur dann zutreffende Aussagen machen, wenn man es gleichsam von außen her als solch ein Ganzes betrachtet. Dazu ist es aber nötig, dass es vom Rest der Welt in einer erkennbaren Weise getrennt ist. Eine solche Trennung ist aber nur in die klassische Physik auf natürliche Weise eingebaut.“
Weitere Aussagen die für uns interessant scheinen:
- Die klassische Physik beschreibt die Welt als Ansammlung von Objekten, so wie es unsere Sprache übrigens auch tut.
- Die Quantenphysik beschreibt die Welt als Ansammlung von Beziehungen – die wir sprachlich immer nur schwer ausdrücken können
Dazu z.B. auf S. 192 folgendes Bild: „ …ist der Übergang von einer klassischen Beschreibung zu einer quantisierten gedeutet worden als ein In-Beziehung-Setzen zu den unendlich vielen Einflüssen der Umwelt.“
(In einer SySt stellen wir zwar Objekte für etwas auf, aber wir interessieren uns ausschließlich für die Beziehungen zwischen diesen Objekten.)
Der zentrale Anlass für das Entdecken der Quantenphysik war ja die Erkenntnis, dass erst durch eine Messung tatsächlich ein Faktum geschaffen wird, das ohne diese Messung nicht entstanden wäre, mit einer anderen Messung zu einem anderen Faktum geführt hätte, und überhaupt viele verschiedene „Faktenmöglichkeiten“ hätte annehmen können.
Thomas Görnitz erklärt das ausführlich:
- Die Messung erzeugt ein Faktum, und legt damit eine der bis dahin vielen Möglichkeiten fest.
- Die bis dahin vielen Möglichkeiten muss man sich als Ganzheit vorstellen, so wie wir uns ein Lebewesen nur als Ganzheit vorstellen können. In dem Moment, in dem wir einen Teil dieses Lebewesens für eine Messung heraus schneiden, ist die Ganzheit zerstört. Jetzt ist der Froschschenkel nur noch ein Schenkel.
- Lebewesen selbst sind ein Beispiel für eine holistische Struktur „..eine Abtrennung vom Rest der Welt ist Voraussetzung für ihre Existenz. Damit scheint auch primär eine nichtholistische Umwelt für Lebewesen „natürlich“ zu sein. Anderseits ist nun gerade ein Lebewesen das Modell für eine holistische Struktur, für etwas, bei dem jeder sofort wird zugeben können, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Bohr charakterisiert das Wesen eines Quantenvorganges mit dem Begriff individueller Prozess – wir selbst begreifen uns als Individuen.“ (S166)
Und das kann man auf unser Bewusstsein gut übertragen
- „Was ein jedes wache und gesunde Bewusstsein auszeichnet, ist die unmittelbare Empfindung seiner Einheit. Hier liegt eine dritte Erscheinung des Holismus in den Naturwissenschaften vor.“ (S. 242)
- Das erläutert er an einen anschaulichen Beispiel: Wenn man sein eigene Spucke im Mund sammelt und hinunterschluckt, ist ganz klar, dass die eigene Spucke ganz selbstverständlich ein Teil von mir ist. Das ändert sich, wenn man die gesammelte Spucke in ein Glas füllt. Diese jetzt zu trinken erfordert viel Überwindung, weil es nun scheinbar nicht mehr unsere ist.
- Besonders interessant ist die Analogie zum Bewußtsein:
- Das Bewusste ist das zum Fakt gewordene aus dem viel größeren Unbewussten. Denken ist also so etwas wie das Messen in der Quantenphysik. Erst was mir bewusst wird ist Fakt.
- Für Görnitz ist “bewusst” alles, was in Worten ausgedrückt werden kann.
- Besonderheit des Bewusstseins: Es kann auch über sich selbst reflektieren
Information ist eine sehr zentrale Größe bei Görnitz:
- Bevor es zu einem gemessenen Teilchen gekommen ist, bestand das Teilchen noch gar nicht. Es gab nur einen Möglichkeitsraum, bestehend aus Information, audrückbar in Quantenbits.
- Information ist grundsätzlich alles „wißbare“. Also es muss grundsätzlich möglich sein, das zu erfahren.
- „Da sich der Informationsbegriff auf mögliche Wißbarkeit bezieht, ist es naheliegend, dass es auch Information über Information geben kann.“ S. 253
- „Entropie ist Information, welche nicht zur Verfügung steht.“ S. 249.
- Und noch einmal auf das klassische wissenschaftlichen Vorgehen Hinzuweisen: „Das Paradoxon ist offenbar: Um Physik betreiben zu können, brauche ich mein bewusstes Leben, meine Wahrnehmung, meine Qualia. Aber in meiner intersubjektiven Kommunikation lasse ich sie aus meiner Beschreibung heraus …der Geist wird aus der Natur entfernt.“ S. 266
- „Daraus folgt, dass Kommunikation lediglich über klassische oder klassisch gewordene Sachverhalte möglich ist, denn Kommunikation besteht ja gerade darin, dass ich Informationen anderen zugänglich mache, und sie zugleich behalte, das heißt, sie vervielfältige. In enger Analogie zum Messprozess wird sich daher in der Regel auch ein Bewusstseinszustand ändern, wenn er in eine unmittelbare Form gebracht wird. S. 268
- „Das Sprechen erzeugt klassische Teile aus dem Ganzen des Bewusstseins, erzeugt also eine Trennung, und legt durch die sprachliche Formulierung Informationsanteile fest. Solches Sprechen kann das Befinden des Betreffenden wesentlich verändern. Hier sehe ich eine Analogie zum Messprozess, der ebenfalls durch den zwischengeschalteten Trennungsprozess in der Regel den Quantenzustand des gemessenen Objektes verändert.“ S. 273
- Die Umwandlungen von Möglichkeiten in Fakten sind ein wesentlicher Anteil des Erkenntnisprozesses. Dies bedeutet, dass mir bewusst werdende Fakten mein ganzes Bewusstsein verändern werden, ja müssen, und dass dies Veränderung wiederum Auswirkungen bis hin auf die Chemie meines Denkens haben wird.“ S. 288
- Auf S. 293 weist er noch deutlich darauf hin, dass „Quantenkorrelationen grundverschieden von einem etwaigen Vorherberechnen eines künftigen Systemverhaltens sind“. (Eine gute Erklärung für die Differenz von Aufstellungsergebnissen und der Wirklichkeit.)
Natürlich gibt es auf den 317 Seiten noch weit mehr zu entdecken. Vielleicht machen diese Auszüge ja dem einen oder anderen ein wenig Lust, das ganze Buch zu lesen. In jedem Fall gibt es aus meiner Sicht einige hilfreiche Hinweise auf dem Weg zum Verstehen von SySt.
Wenn also das uns Bewusste durch eine Art „Messvorgang“ aus dem viel größeren Unbewussten entstanden ist, dann könnte man eine Aufstellung ja auch als einen solchen „Messvorgang“ verstehen, der – je nach Messaufbau – verschiedene Fakten aus dem großen Möglichkeitsraum schafft. Entstandene Fakten bedeuten aber auch drastische Reduktionen aus einem Meer von bis dahin möglichen anderen Ergebnissen. Nun mag man einwenden, Aufstellungen sollen ja dem Klienten mindestens eine weitere Handlungsmöglichkeit aufzeigen. Trotzdem macht es ehrfürchtig, wenn man bedenkt, dass ein nur leicht geänderter Aufstellungsverlauf vielleicht ein viel passenderes „Faktum“ (Schlussbild) ergeben könnte.
Und wenn Bewusstsein all das ist, was wir in Worten ausdrücken können, und Worte wieder Bewusstsein prägen, (also durch Festlegung Fakten schaffen) dann wird auch klar, dass das Sprechen bei Aufstellungen (Befragen von Repräsentanten, Aussagen von Repräsentanten) Fakten schafft – also den Möglichkeitsraum reduziert. Es scheint also nicht egal, wann wieviel in einer Aufstellung gesprochen wird. Möglicherweise schränkt das auch ja zu früh die sonst noch vorhandenen unbewussten Möglichkeiten ein.
Und noch ein Gedanke kommt mir dazu: So wie klassische Physik und Quantentheorie sich gegenseitig brauchen, so sprechen wir ja vom Wechsel verschiedener Strukturebenen bei vielen SySt. Strukturebenen im Klientensystem die sich gegenseitig beeinflussen, sich aber auch bedingen. Möglicherweise ist die Quantentheorie und klassische Physik dafür auch noch ein übertragbares Erklärungsmodell.
Das nächste Buch ist jetzt „Die Evolution des Geistigen: Quantenphysik, Bewusstsein, Religion“ von Thomas Görnitz und Brigitte Görnitz. Dort beschreiben sie die Protyposis, die wohl noch näher an unsere Frage „Wie funktionieren SySt?“ heranzukommen scheint. Dieses Buch gibt es nur zum Lesen auch auf Google Books.
Es gibt noch ein paar weitere interessante Dokumente von Thomas Görnitz im Netz:
Vortrag „Quantentheorie und Bewusstein“ bei Well…come21
Vortragsfolien „Das Bild des Menschen im Lichte der Quantentheorie“ anläßlich des 92. Geburtstages von C.F.v.Weizsäcker 2004.
Karlheinz
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